HORIZONT

Klarheit, Tiefe und Empathie -

Verstehen braucht Zeit!

 

Das Mädchen

mit dem schneeweißen Pferd

Eine Mädchengeschichte

An jenem Frühlingsabend im Mai 2000 helfen weder Liebe noch Medikamente. Felix wird immer schwächer. Er hat eine schwere Lungenentzündung. Weil er nichts mehr fressen kann, kann sein Körper sich auch nicht mehr gegen die Krankheit wehren. Längst ist er abgemagert, doch Franzi glaubt fest daran, dass er es schaffen wird.

 

Das Mädchen sieht den fürchterlichen schwarzen Schatten nicht, der seit Stunden über Felix schwebt. Franzi ahnt nicht, dass andere längst beschlossen haben, dass ihr Freund gehen muss.

 

Franzi:

 

„Am 30.05.2000 sah ich Felix zum letzten Mal. Ich wusste nicht, dass ich ihn nach diesem Tag nie wieder sehen sollte. Es war ein wunderschöner, warmer Frühlingstag. Die Vögel sangen, die Bäume wurden schon richtig grün und alles schien perfekt. Felix war schon sehr schwach und ich sagte ihm, dass er ab diesem Tag in Rente gehen würde.

 

Ich bürstete ihn gründlich und sagte ihm sehr oft, dass ich ihn liebe. Ich redete die ganze Zeit mit ihm und ich weiß, dass er mich verstanden hat. Ich sagte zu ihm, man hätte ihn lieber Sandy nennen sollen, weil er so sandig war. Außerdem gab ich ihm an diesem Tag ein Versprechen, welches mich für mein Leben zeichnen sollte. Ich versprach ihm, dass, wenn er mal stirbt, ich dann bei ihm bin, dass ich ihn dann nicht alleine lasse…“

 

Einen Tag später wird Felix in die Tierklinik gebracht. Franzi erfährt es erst, als er schon weg ist. Sie weint, schreit und bittet ihre Mutter immer wieder, ihn noch einmal sehen zu dürfen. Franzi erzählt von ihrem Versprechen. Sie möchte bei Felix sein, wenn er gehen muss. Doch ihre Eltern bestimmen es anderes. Sie meinen es gut, wollen ihrer Tochter den Anblick des sterbenden Ponys ersparen – und tun Franzi damit unendlich weh …

 

Franzi:

 

„Meine Mutter versuchte, mich zu beruhigen, aber es ging nicht. Ich fragte sie ob wir hinfahren können und sie sagte mir, dass ich zu klein dafür wäre und dass Felix merken würde, wenn ich traurig bin und dass ich das doch nicht wollte. Ich erzählte ihr von meinem Versprechen, aber sie sagte, dass Felix das nicht helfen würde, wenn ich da bin und weine. Ich sollte ihn in Erinnerung behalten wie er war. Die nächsten Stunden und Tage waren die schlimmsten in meinem Leben.

 

Um 18 Uhr am 1.06.2000 wurde Felix eingeschläfert und für mich brach eine Welt zusammen…“

 

Von einem Tag auf den anderen ist Franzis fröhliches Kinderlachen verschwunden – für immer. Tage- und nächtelang weint sie und quält sich selbst mit dem Gedanken, ein wichtiges Versprechen nicht gehalten zu haben. Wer in ihre Augen schaut, muss nichts mehr fragen. Eine tiefe, schmerzvolle Trauer hat Besitz von dem Mädchen ergriffen, das noch gestern mit seinem schneeweißen Pony den jungen Frühling begrüßt hat.

 

Franzi:

 

„Nach 2 Wochen fuhren wir zum ersten mal wieder zum Stall. Ich hatte Blumen gepflückt für Felix. Am Stall angekommen brach ich weinend zusammen. Ich legte die Blumen nieder und ging in seine Box, setzte mich auf seine Futterkrippe und weinte. Ich wollte sterben, ich wollte einfach nur sterben. Alles roch nach Felix, aber er war nicht da wie sonst. Er begrüßte mich nicht mit seinem tiefen Wiehern. Er wuschelte mir nicht mit seinem Maul durchs Haar oder rieb seinen Kopf an meiner Schulter, sodass ich beinah umfiel. Nach langer Zeit stand ich auf, ging in die Sattelkammer und holte seine Satteldecke. Meine Mutter wollte, dass ich sie ausschüttle, wegen der Haare, aber ich weigerte mich. Ich nahm sein Halfter vom Haken, blickte mich noch einmal um und ging…

Zuhause saß ich oft da und roch an seiner Decke. Ich weinte jeden Tag und dachte an ihn. Ich baute ihm einen Altar, was meine Eltern mit gemischten Gefühlen beobachteten.

 

Jeden Abend seit seinem Tod sage ich Felix Gute Nacht und dass ich ihn liebe. Seit acht Jahren wünsche ich ihm eine Gute Nacht. Oft rede ich abends ganz heimlich mit ihm. Ich erzähle ihm, wie es mir geht und wie sehr ich ihn vermisse. Ich träume oft von ihm und der wunderschönen Zeit, die wir gemeinsam hatten. Ich liebe ihn noch immer über alles...

 

Felix, ich liebe dich!

Du warst mein Leben, meine Liebe, mein Herz!“

 

Franzi wird krank, nimmt ab und muss schließlich, ein Jahr nach Felix‘ Tod, ins Krankenhaus. Ärzte und Psychologen bemühen sich um das Mädchen. Doch Franzis Liebe zu Felix ist unheilbar…

 

Mit 17 bekommt Franzi ein Baby, einen kleinen Jungen. Bei ihm und ihrem Freund findet ihr großes Herz endlich wieder eine Heimat.

 

Tiere gehören auch zu Franzis neuer Familie. Die beiden Hunde Thyson und Whity und ihre Kaninchen haben es gut bei Mama Franzi.

 

Doch noch immer, nach so vielen Jahren, redet Franzi jeden Abend mit ihrem Felix, erzählt ihm von ihrem Glück ebenso wie von ihren Sorgen, von der Krankheit, gegen die sie seit Felix‘ Tod kämpft, und der nie enden wollenden Sehnsucht …

 

© Franziska Schödel & Mario Lichtenheldt

 

 

Wieso?

 

Niemand sieht meine Tränen,

heimlich nachts geweint.

 

Niemand sieht wie ich mich fühle,

weil ich es niemandem zeig.

 

Wieso sind meine Arme voll von Narben?

Vielleicht ist es nur ein Schrei?

 

Aber der Schrei kommt nirgendwo an!

Warum kann mich keiner hören?

 

Wieso kann keiner mein Leiden spüren?

Wieso kann ich nicht einfach sagen,

wie ich mich fühle?

 

Warum kann ich mich nicht akzeptieren?

Warum hasse ich mich so?

Wieso bin ich selten froh?

 

Will endlich lachen, lieben, leben...

aber wer will mir schon Liebe geben...?

 

Franzi

 

Liebe Franzi!

 

Danke, dass ich Deine Geschichte schreiben durfte.

 

Ich fühle mich so ohnmächtig, aber wenn es Dir hilft, zu schreiben, dann versuchen wir es noch einmal, und noch einmal und so oft Du möchtest ....

 

Ich wünsche Dir und Deiner Mama von ganzem Herzen Kraft, Mut, Liebe und Gottes Segen! Ich weiß nicht, was ich sagen soll - was sind schon Worte …

 

 

Zwei Dinge sind schädlich für jeden,

der die Stufen des Glücks will ersteigen.

Schweigen, wenn es Zeit ist zu reden,

und reden,

wenn es Zeit ist zu schweigen.

Friedrich von Bodenstedt

 

 

Für Dich!

 

Eric Clapton - Wonderful tonight

Franzi's Homepage

Brief an meine Mama

Magersucht