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Franziska - Mauern aus Angst |
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Junge Welt, 27.11.2009 Seite 15
Drei Jahre und zwei Monate muss Franziska S. aus Biesenthal ins Gefängnis. Das Landgericht Frankfurt (Oder) verurteilte die 22jährige wegen Totschlags im minderschweren Fall. Am 25. März 2009 soll sie einen Jungen direkt nach der Geburt erstickt und seinen Zwillingsbruder noch im Mutterleib getötet haben. Für die zweite angeklagte Tat wurde die Frau wegen möglicher Schuldunfähigkeit freigesprochen.
Franziska
Franziska S. stammt aus behüteten Verhältnissen, der Vater Manager, die Mutter kümmert sich zu Hause um die Kinder. Die junge Frau ist bescheiden und intelligent, studiert zunächst in Greifswald, wo sie den Vater ihrer Kinder kennenlernt, und wechselt später zur Uni Rostock.
Was niemand ahnt: Die damals 21jährige lebt in steter Angst davor, ihre Eltern zu enttäuschen. Die nämlich erwarten vorzeigbare Leistungen von ihrer Tochter, ein Anspruch, den Franziska schließlich als eigenen Lebensplan verinnerlicht. Ein Kind ist darin nicht vorgesehen.
In der Nacht zum 25. März 2009 bekommt Franziska völlig überraschend heftige Wehen. Im Badezimmer ihres Elternhauses entbindet sie einen Jungen, den sie zunächst an sich presst, damit die nebenan schlafenden Eltern nicht aufwachen. Später hält sie das Kind für tot, wickelt es in Tücher und legt es in ihrem Zimmer ab.
Doch der Albtraum geht weiter.
Der Arm eines zweiten Babys ragt aus ihrem Unterleib. Rasend vor Schmerzen versucht Franziska instinktiv, die Geburt zu forcieren. Inzwischen kämpft sie, ohne es zu wissen, um ihr Leben. Doch das Baby liegt quer. Geboren wird der inzwischen tote Junge per Kaiserschnitt im Krankenhaus, nachdem Franziskas Vater einen Notarzt alarmiert hat.
Von nun an lebt Franziska S. mit dem Vorwurf, ihre beiden Kinder getötet zu haben. Ob sie jedoch überhaupt von ihrer Schwangerschaft wusste, bleibt bis zuletzt zweifelhaft.
In der U-Haft beginnt Franziska, nach Antworten zu suchen, lässt durch ihren Anwalt ein umfassendes Geständnis über all das vortragen, woran sie sich erinnern kann. Sie spricht von ihrer „egoistischen Lebensplanung“, weint, umklammert krampfhaft ihr Kuscheltier.
Diese Frau will die Verantwortung tragen – für den Tod ihrer Kinder und endlich auch für sich selbst. Dabei weiß sie wahrscheinlich selbst nicht wirklich, was in den entscheiden Minuten geschehen ist.
Verheimlicht und verdrängt
Es gibt viele Gründe, warum Frauen durch eine ungewollte Schwangerschaft in akute Not geraten. Da ist die Angst um den Ausbildungs- oder Arbeitsplatz, die Angst, in einer eiskalten Leistungsgesellschaft als Mutter chancenlos zu sein, die Angst, den Partner zu verlieren und mit dem Kind und der Verantwortung alleingelassen zu werden. Da ist die vergewaltigte Frau, die sich schämt und schmutzig fühlt oder die muslimische Mitbürgerin, die ihre Familie fürchtet. Manchmal ist es ein Seitensprung, noch öfter sind es verfestigte Ansichten der Eltern, die Schwangere dazu treiben, eine Mauer des Schweigens um sich herum aufzubauen.
"Es war schwierig, meinen Eltern etwas Schlimmes mitzuteilen", sagt Franziska.
Dass sie damit ihre Schwangerschaft meint, ist reine Spekulation. Fakt ist jedoch, dass die überzogene Liebe ihrer Eltern, Überbehütung und permanente Kontrolle die junge und doch längst erwachsene Frau beinahe erdrückt hätten.
Auswege
Anonyme Telefonberatung
Zuhören, ohne zu belehren, eine Atmosphäre, die frei ist von Angst und Zwang, gegenseitiges Vertrauen, Achtung und das Gefühl liebevoller Geborgenheit - in diesem Sinne kümmert sich seit 1999 das Projekt „Findelbaby“ des gemeinnützigen Hamburger Vereins „Sternipark e. V.“ um Hilfe für schwangere Mädchen und Frauen sowie Mütter mit Neugeborenen in Not. Rund um die Uhr erreichbar über den bundesweiten, kostenfreien Notruf
0800 456 0 789
erhalten Hilfesuchende Rat und Hilfe - einfühlsam und anonym.
Anonyme Geburt
Reicht ein Gespräch nicht mehr aus, etwa weil der Geburtstermin unmittelbar bevorsteht, kann die anonyme Geburt in einer Klinik verabredet werden, zu der die Schwangere auf Wunsch auch begleitet und liebevoll betreut wird. Eine anonyme Geburt ist straffrei und garantiert eine adäquate medizinische Versorgung von Kind UND Mutter.
Anonyme Übergabe
Ist das Baby bereits geboren, kann es nach Vereinbarung per Notruf an jedem Ort von einer Mitarbeiterin des Projektes übernommen werden (anonyme Übergabe). Auch hier besteht, wie bei der anonymen Geburt, die Möglichkeit, der Mutter Hilfe anzubieten und Informationen über das Kind auszutauschen.
Babyklappe
Ein allerletzter Ausweg ist manchmal die Babyklappe. Die Ablage eines Kindes in einer Babyklappe gilt als Übergabe in sichere Obhut und ist ebenfalls straffrei.
Gefährliche Hausgeburten
Dennoch: Ein möglichst frühzeitiger, ggf. anonymer Hilferuf durch die Schwangere selbst oder eine vertraute Person ist immer der bessere Weg! Das Schicksal von Franziska S. und ihrer Zwillinge zeigt, wie riskant eine Geburt ohne medizinische Betreuung sein kann.
Kritiker
Kritiker sehen all diese Möglichkeiten mit Skepsis, verweisen auf das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft und den möglichen Missbrauch der Anonymität. Dabei wird jedoch oft verkannt, dass die stets notwendige Interessenabwägung neben den Rechten des Kindes auf Leben und Kenntnis seiner Herkunft gleichwohl auch die Grundrechte der Mutter auf körperliche Unversehrtheit, Schutz und Fürsorge durch die Gemeinschaft im Auge behalten muss.
Franziska ist nicht kaltherzig!
Franziska hat Schuld auf sich geladen und wäre selbst beinahe gestorben.
Aber sie steht wie selten jemand zu ihrer Tat und verdient eine faire Chance, nach der Haft ein selbstbewusstes und selbstbestimmtes Leben zu führen.
Mario Lichtenheldt
Hallo Mandy!
Falls Du diesen Text irgendwann liest - ich wüsste so gerne, wie es Franziska heute geht. Wir sind uns schon einmal „begegnet“ - hier:
Ich wünsche Franziska alles Gute für die Zukunft!
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„Und der Mensch heißt Mensch Weil er irrt und weil er kämpft Und weil er hofft und liebt Und weil er mitfühlt und vergibt …“
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