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HORIZONT

Schicksalsjahre im Elsass

 

Briefe und Gedanken gegen das Vergessen

 

 

Die Freuden und Leiden des Berliner Füsiliers

August Julius Gustav Schulze

im Elsaß:

September 1871 bis September 1873

 

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Herbst 1976. In Berlin-Reinickendorf weckt ein am Straßenrand abgestellter Karton voller verstaubter, alter Aufzeichnungen das Interesse eines Spaziergängers. Er nimmt die Papiere an sich und beschließt, deren Inhalt später genau zu untersuchen.

Der Spaziergänger heißt Peter Eller und sein Fund erweist sich als persönlicher Nachlass eines gewissen „A. Schulze“.

Dass die darin enthaltenen Erlebnisberichte, Briefe und Episoden ein ganz außerordentliches kulturgeschichtliches Dokument aus den Gründerjahren des Deutschen Reiches darstellen und zudem von enormer Bedeutung für die Geschichte des Elsass und der Deutsch-Französischen Beziehungen sind, wird Eller erst 31 Jahre später bewusst. Er begibt sich auf Spurensuche, entreißt Namen und Schicksale der Vergessenheit. Anfang 2011 gibt Peter Eller die Aufzeichnungen, versehen mit umfangreichen historischen und genealogischen Hintergrundinformationen unter dem Titel „Die Freuden und Leiden des Berliner Füsiliers August Julius Gustav Schulze im Elsaß September 1871 bis September 1873“ heraus.

 

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Insgesamt 22 Briefe schreibt der im Juni 1850 geborene August Schulze in den Jahren 1871 bis 1873 an seinen Freund Robert Böttcher. Zwei Jahre dauert der Wehrdienst, den Schulze als preußischer Füsilier* im Elsass ableistet, jenem Gebiet östlich des Vogesenkammes, das nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 bis 1918 von Deutschland besetzt ist und auch heute noch, als Teil Frankreichs, einen Sonderstatus einnimmt.

Mit Witz und Humor gewährt der Autor Einblick in das harte, teilweise heitere und bisweilen groteske Leben beim preußischen Militär. Wichtigste Regel: Der Soldat soll nicht denken, es sei denn, es wird ihm ausdrücklich befohlen. Wer trotzdem denkt, muss damit rechnen, im „Arrestlokal“ zu landen, dessen besonderen „Komfort“ Schulze ausführlich beschreibt.

Die übliche Anrede Vorgesetzter gegenüber Soldaten und Gefreiten lautet „Er, Kerl…“. Es folgt ein den Angesprochenen näher bezeichnendes Substantiv, z. B. „Er, Kerl, Rindvieh!“ oder „Er, Kerl, Schafskopp!“

Man schläft in „Schweinefedern“ (Stroh); als Kopfkissen dient ein Stück Kommissbrot, das auch als „Hanf“ bezeichnet und zu besagtem Zwecke in ein Tuch eingewickelt wird.

 

Die zahllosen, überall im Elsass anzutreffenden Soldatengräber machen August Schulze nachdenklich. „Ich möchte diese Massenmorde nicht auf meinem Konto haben“ schreibt er im August 1872 aus Magny bei Metz. In Wörth (an der Sauer) erzählt ihm ein Gastwirt von den erbitterter Kämpfen auf den Höhen rund um die Stadt, bei denen französische Offiziere zuletzt auf die eigenen Leute schossen, um sie von der Flucht abzuhalten.

 

Doch es gibt auch heitere Episoden, dank derer die schweren Gedanken an die nur wenige Monate zurückliegenden blutigen Kämpfe und ihre Opfer vielleicht überhaupt erst erträglich werden.

 

Wiederholt begegnet der Leser dem Füsilier Strohammel, der wegen seiner notorischen Dummheit von allen nur „Hammel“ genannt wird. Immer wieder bringt er die preußisch-exakte militärische Ordnung durcheinander und sorgt mal für stilles, mal für schallendes Gelächter, indem er z. B. während der „Lumpenparade“ (Appell) einen General mit „Herr Sergeant“ (Feldwebel) anredet.

 

Von geradezu poetischer Schönheit sind die in den Dokumenten enthaltenen Landschaftsbeschreibungen. August Schulze ist gern in der Natur unterwegs. Er ist ein romantisch veranlagter, stets optimistischer und emotionaler junger Mann. Während seines Militärdienstes durchstreift und beschreibt der Autor die von Wein, Buchen, Eichen und Hopfenfeldern geprägte Landschaft der Vogesen um Weißenburg und Wörth sowie Bitsch und Metz im Lothringischen.

 

Nahe Bitsch begegnet August Schulze dem bettelarmen Waisenmädchen Bärbel – ein Hauch von Liebe verbindet die beiden, eine Liebe ohne Zukunft.

 

Am 12. September 1873 schreibt der Autor den letzten Brief an seinen Freund. Nur einen Monat später stirbt Robert Böttcher im Alter von nur 20 Jahren im Beisein von August Schulze an einer schweren Lungenkrankheit.

 

Lebendiger als jedes Geschichtsbuch und ausgesprochen emotional beschreibt August Schulze neben seinem Militärdienst das Leben der einfachen Menschen im Elsass kurz nach der Einverleibung in das Deutsche Reich. Er begegnet ihnen freundlich, obwohl eine seltsam gespannte, von Misstrauen getragene Atmosphäre über den Städten und Dörfern dieser traumhaft schönen Landschaft liegt.

„Hier ruhen nun … Freund und Feind friedlich nebeneinander“ schreibt August Schulze im August 1873 aus Wörth. Vieles in seinen Zeilen spricht dafür, dass er den Tag, an dem aus Feinden Freunde werden – im LEBEN und nicht nur im Tod - herbeigesehnt und für möglich gehalten hat. Vielleicht dachte er dabei an Bärbel und künftige Generationen, die sich über Grenzen hinweg zueinander hingezogen fühlen.

Es sollte noch lange dauern, bis nach zwei Weltkriegen mit der Europa-Erklärung Jean Monnets und Robert Schumans am 9. Mai 1950 die Deutsch-Französische Aussöhnung begann.

 

Mario Lichtenheldt, 27. Juni 2011

 

August Schulze (Autor), Peter Eller (Herausgeber), Die Freuden und Leiden des Berliner Füsiliers August Julius Gustav Schulze im Elsaß: September 1871 bis September 1873, August von Goethe Literaturverlag, Frankfurt am Main, 2011, 147 Seiten, 12,40 EUR, ISBN 978-3-8372-0901-3, ISBN 978-0-85727-033-7

 

* Füsilier: speziell für den Orts- und Häuserkampf ausgebildeter Soldat der Infanterie, zu Zeiten Schulzes ausgerüstet mit einem Zündnadelgewehr, das im Liegen nachgeladen werden konnte.

 

Foto: wikimedia commons