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"Junge Welt", 18.12.2009, Feminismus, Seite 15

 

Hilfsprojekte für Schwangere in Not üben scharfe Kritik an Forderung des Ethikrates nach Abschaffung von Babyklappen: »Anonyme Geburten und Babyklappen haben nachweislich Leben gerettet«.

 

Von Mario Lichtenheldt

 

Der Deutsche Ethikrat hat sich gegen Babyklappen und anonyme Geburten als Auswege für Schwangere in akuten Notsituationen ausgesprochen. Diese Hilfen seien ethisch und rechtlich problematisch. Neben dem möglichen Missbrauch kritisiert der Rat, den Kindern werde das Recht auf Kenntnis ihrer Herkunft verwehrt. Zudem gehe man „nach Prüfung aller verfügbaren Erkenntnisse“ davon aus, dass Frauen, die ihre Schwangerschaft verdrängen, nicht erreicht würden.

 

Bei den Erkenntnissen des Rates indes handelt es sich mitnichten um „alles“, was an Erfahrungen erreichbar gewesen wäre! Praktiker nämlich, wie der gemeinnützige Hamburger Verein Sternipark e. V., der seit zehn Jahren auf diesem Gebiet arbeitet, wurden gar nicht erst angehört - und das, obwohl der Verein zweifellos über die größten Erfahrungen mit Babyklappe und anonymer Geburt verfügt. Auch betroffene Frauen kamen trotz entsprechender Offerten nicht zu Wort.

 

Eher dürftig ist die Empfehlung des Rates:

 

Frauen soll künftig eine vertrauliche Kindesabgabe bei maximal einjähriger eingeschränkter Anonymität ermöglicht werden. Ferner wird eine bessere Bekanntmachung bestehender Hilfsangebote gefordert.

 

Ihre Praxiserfahrungen hat Leila Moysich, Leiterin des Hamburger Projektes „Findelbaby“ in dem ergreifenden Buch „Und plötzlich ist es Leben“ zusammengefasst. An Hand tragischer, zutiefst menschlicher Schicksale zeigt sie, wer die Frauen sind, die anonym entbinden oder ihr Baby einer Babyklappe anvertrauen.

 

Da ist die 15jährige, die vor der Mutter mehr Angst hat als vor einer heimlichen Geburt auf dem Dachboden; oder die behinderte junge Frau, die massiv zur Abtreibung gedrängt wird und deshalb anonym entbindet. Die 23jährige Sabine ist zum dritten Mal schwanger. Der Vater des ersten Kindes lässt sie sitzen, als sie gerade 18 ist, ohne Berufsabschluss, ohne Perspektive.

 

Das zweite Kind gibt Sabine zur Adoption frei, nachdem auch Papa Nr. 2 nichts von Verantwortung für Mutter und Kind hält.

 

Die Adoptionsvermittlung drängt: Adoption ja oder nein, schwarz oder weiß! Entscheide Dich! Statistisch gesehen warten 24 Elternpaare auf Sabines Kind. Beratung? Fehlanzeige!

 

Sabine entscheidet sich. Hinterher kommen Zweifel.

 

Ihr drittes Kind entbindet sie anonym, lässt sich von „Findelbaby“ beraten. Bald schon wächst das zarte Pflänzchen Mutterliebe – bis ihr Freund auftaucht. Der schwadroniert von Verantwortung und Adoption. Als sich Sabine für immer von ihrem Baby verabschiedet, weint sie.

 

Die Prostituierte, die massiv bedroht wird; die Auszubildende, die von Arbeitgeber und Betriebsrat (!) zu einem Aufhebungsvertrag gedrängt wird; die Frau mit zwei Kindern, die bis zum letzten Tag vor der Geburt arbeitet und aus Angst um den Job im Urlaub anonym entbindet – das ist die Realität in Deutschland! Keine dieser Frauen missbraucht Anonymität oder Babyklappe! Anonymität ist für sie ein Selbstschutz, der aus Angst und Misstrauen gegenüber Staat und Gesellschaft erwächst.

 

Der Ethikrat bewertet das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft hoch und betont die Pflichten der Mutter. Was die grundgesetzlichen Rechte von Kind und Mutter auf Leben, körperliche Unversehrtheit und die Fürsorge der Gemeinschaft angeht, klingt die Empfehlung des Rates wenig überzeugend.

 

Vor einer derart einseitigen Betrachtung warnte der Mainzer Bischof Kardinal Lehmann schon vor dem Votum des Ethikrates eindringlich und betonte, das fundamentale Gut des Lebens habe Vorrang vor dem Recht, um seine Herkunft zu wissen. Dem schlossen sich 6 der 26 Ratsmitglieder (18 von ihnen sind Männer) an und sprachen sich für den Erhalt von anonymer Geburt und Babyklappe aus.

 

Die Praxis zeigt, dass viele Schwangere in akuter Not soziale oder rechtliche Probleme fürchten, aber offen sind für niederschwellige, anonyme Hilfen. Was passiert, wenn man den Frauen diese Auswege nimmt? Sie werden kriminalisiert und in die Illegalität getrieben! Stirbt ihr Baby, werden sie zu Straftäterinnen, deren Lebensweg ebenso zerstört ist wie das Leben des Kindes.

 

Dabei eröffnen die bestehenden Angebote vielen erst die Möglichkeit einer Bedenkzeit, in der sie sich doch noch dafür entscheiden können, ihr Kind zu behalten.

 

So wurden von den 38 Kindern, die in Hamburg seit Einrichtung der ersten Babyklappe vor zehn Jahren weggegeben wurden, 14 von ihren Müttern wieder zurückgenommen.

 

Insgesamt konnte »Findelbaby« seit seiner Gründung am 19. Dezember 1999 mehr als 300 Frauen aus einer scheinbar ausweglosen Situation helfen.

 

1999 waren in der Hansestadt fünf Babys ausgesetzt worden, zwei von ihnen wurden tot aufgefunden. Seit Einrichtung der Babyklappen ist in Hamburg kein Fall von Kindesaussetzung mehr bekanntgeworden. Für Leila Moysich ein klarer Beweis, dass Findelbaby »nachweislich Leben gerettet hat«.

 

Der Ethikrat muss sich fragen lassen, ob er das, was er jetzt vorgeschlagen hat, wirklich verantworten will und kann!

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Anonyme Geburt und Babyklappe:

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des Deutschen Ethikrates