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Lisa & Frechdachs |
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Ostthüringer Zeitung, Kinderseite, 10. April 2010
Schnell wie ein Pfeil saust ein buntes Spielzeug-Motorboot über den kleinen See am Waldbach. Es heißt „Jenny“. Kapitän Jakob lenkt es vom Ufer aus mit einer Fernsteuerung. Drüben auf der anderen Seite des Baches beobachtet ein schwarzes Pferd misstrauisch das auf dem Wasser hin und her schwirrende kleine Schiff. Manchmal bleibt das Boot im Ufergebüsch hängen. Dann müssen Anne und Moritz ins Wasser steigen und die „Jenny“ befreien. Damit jeder einmal Kapitän sein darf wechseln sich die Kinder ab. Vorsichtshalber haben Moritz, Anne und Jakob Badesachen angezogen; außerdem wollen sie später noch ein bisschen im Wasser herumtoben. „Mayday!“ ruft Jakob plötzlich ganz laut. „Motorschiff „Jenny“ ist mit einem U-Boot zusammengestoßen!“ Mayday ist ein Notruf, den Schiffe und Flugzeuge auf der ganzen Welt benutzen, wenn sie in Not geraten. Ob die „Jenny“ wirklich mit einem U-Boot zusammengestoßen ist? Sofort springen Moritz und Anne ins Wasser, um zu helfen. Anne kommt zuerst bei der „Jenny“ an. Aber was ist denn das? „Das ist kein U-Boot!“ schreit Anne, „Es ist eine Flaschenpost!“ Im gleichen Moment wird die geheimnisvolle Flasche von einer großen Welle davongetragen. Anne kann gerade noch erkennen, dass sich im Inneren eine Papierrolle befindet, die von einem feuerroten Band zusammengehalten wird. „Eine Flaschenpost?“ fragt Jakob ungläubig. „Ja, dort schwimmt sie!“ ruft Anne und zeigt aufgeregt flussabwärts, wo die Flasche soeben zwischen einigen großen Blättern verschwindet. Die Kinder sind sofort begeistert und laufen und springen der Flaschenpost schreiend und tobend hinterher, erst im Wasser, das nach allen Seiten spritzt, dann am Ufer, wo sie viel schneller rennen können. Gebüsch und hohes Gras peitschen gegen die nackten Beine der Kinder. Sie laufen über sumpfige Wiesen, runde Steine und sogar durch Brennnesseln. Das tut ein bisschen weh, aber im Eifer der „Flaschenjagd“ spüren es die Kinder fast gar nicht. „Wo ist sie?“ fragt Jakob ganz außer Atem, als er die Flasche nirgends mehr sehen kann. „Wir waren zu langsam!“ schimpft Moritz. Die Flasche ist weg. Auch Anne ist enttäuscht. Die Beine des Mädchens sind ganz schwarz vor lauter Schmutz; Anne ist durch den Schlamm am Ufer des Baches gerannt. „Du siehst ja aus wie ein Schwarzfußindianer!“ lacht Jakob, als er Anne sieht. Das Mädchen überlegt eine Weile. Schwarzfußindianer? Die gibt es wirklich! Früher lebten sie in Indianerzelten, die man Tipis nennt. „Wollen wir ein Tipi bauen?“ fragt Anne plötzlich. Die Jungen sind begeistert. „Am Waldsee, das wäre toll!“ ruft Moritz. Doch das Tipi muss warten, denn plötzlich blitzt hinter einem riesigen grünen Blatt etwas auf und blendet Anne genau in ihr linkes Auge. „Die Flaschenpost!“ schreit Anne. Tatsächlich! Die Flasche ist gar nicht davon geschwommen. Sie hat sich am Ufer im Gebüsch verfangen. Blitzschnell sind die Kinder wieder im Wasser und kämpfen sich plantschend, prustend und spritzend zur Flasche vor. Diesmal entwischt die Flaschenpost nicht. „Anne soll sie aufmachen!“ schlägt Moritz vor. Heraus fällt ein zusammengerollter Brief. Schnell sind die beiden Stoffbänder geöffnet und das Blatt auseinandergerollt. Was darauf steht können die Kinder nicht lesen – sie sind ja gerade erst zur Schule gekommen. „Papa“ und „Mama“ buchstabieren sie. Ein anderes Wort beginnt mit „Po…“, was Jakob so lustig findet, dass er mit beiden Händen auf sein Hinterteil klatscht. Unter dem Text befindet sich eine Zeichnung; ein Mädchen, das auf einem schwarzen Pferd reitet. „Merkwürdig.“ sagt Moritz auf dem Nachhauseweg. „Das schwarze Pferd im Brief sieht genau so aus, wie das auf der Wiese, das wir vorhin gesehen haben!“ „Wir haben eine Flaschenpost gefunden!“ rufen die drei Kinder wie aus einem Mund, noch bevor Annes Mama überhaupt versteht, weshalb die drei Freunde so eilig ins Haus stürmen. Doch da liegt der geheimnisvolle Brief auch schon auf dem Küchentisch und alle warten, dass Annes Mama ihn vorliest. Es ist mucksmäuschenstill, als sie beginnt: „Ich heiße Lisa und bin 9 Jahre alt. Mein Pony heißt Frechdachs. Er ist weggelaufen, weil Mama und Papa ihn verkaufen wollen. Frechdachs ist ganz schwarz und brav. Wenn Du Frechdachs findest sei bitte lieb zu ihm und verstecke ihn! Deine Lisa“ „Das schwarze Pferd am Waldsee!“ erinnert sich Jakob. „Du meinst das Pony!“ verbessert Anne mürrisch. „Das Wort mit Po heißt Pony!“ „Kennt ihr das Mädchen?“ fragt Annes Mama ganz erstaunt. „Ja! Lisa geht in die 3. Klasse!“ antwortet Moritz. „Wir haben Frechdachs gesehen!“ erklärt Jakob Annes Mama. „Wir müssen ihn suchen, bevor er noch weiter weg läuft!“ meint Anne und möchte am liebsten sofort losradeln. „Am besten, ihr fahrt gleich einmal zu Lisa und erklärt ihren Eltern, wo ihr das Pony gesehen habt.“ rät auch Annes Mama. Gesagt, getan. Doch bevor die Kinder losfahren, rennt Moritz über die große Wiese nach Hause und holt seine Walkie Talkies. Diese kleinen Funkgeräte können den Kindern bei der Suche vielleicht nützlich sein. Wieder sausen die Kinder mit ihren Fahrrädern ins Tal hinunter. „Lisa!“ ruft Anne schon von weitem, doch statt des Mädchens öffnet ein streng dreinblickender Mann die Tür. „Lisa ist nicht da. Habt ihr sie irgendwo gesehen?“ fragt der Mann noch ein bisschen strenger. „Nein, wir wollten … es ist … wegen der Flaschenpost …“ stottert Jakob. Nun wird das Gesicht des Mannes freundlicher. Er hat wohl gemerkt, dass er den Kindern Angst eingejagt hat. „Kommt erst mal rein. Ich bin Lisas Papa. Es ist etwas Schlimmes passiert!“ sagt er traurig. „Lisa ist verschwunden!“ „Lisa auch?!“ wundert sich Moritz. Wortlos legt Anne den Zettel aus der Flaschenpost auf den Tisch. Lisas Papa liest. Dann schlägt er die Hände vors Gesicht – und weint. Die Kinder sind völlig verdutzt. Noch nie haben sie einen Mann weinen sehen. „Lisa ist weggelaufen! Wahrscheinlich sucht sie Frechdachs. Wir wussten nicht, wie sehr sie Frechdachs liebt. Wir werden das Pony nicht verkaufen“ sagt Lisas Papa traurig, aber entschlossen. „Wir haben Frechdachs gesehen!“ erzählen die Kinder aufgeregt. „Er war am Bach, am kleinen Waldsee, als wir Jakobs Motorboot ausprobiert haben!“ erklären die drei. „Moritz hat zwei Walkie Talkies mit! Wir können sofort mit der Suche beginnen!“ sagt Anne. Lisas Papa staunt. „Gut. Dann lasst ihr eines hier bei Lisas Mama und das andere nehmt ihr mit auf die Suche.“ schlägt Lisas Papa vor. „Bitte findet die beiden, sonst müssen wir die Polizei rufen!“ flüstert Lisas Mama weinend. Schon düsen die Kinder los. Zum Glück haben sie Mountainbikes! Das sind besonders stabile Fahrräder mit breiten Reifen. Damit kann man durch Schlamm, über große Steine und Wurzeln oder – wie Moritz, Anne und Jakob - kreuz und quer über die Wiese zum Bach fahren. Weiter geht es am Bach entlang bis zum Waldsee, wo die Kinder das Pony vor einer Stunde gesehen haben. Doch jetzt können sie weder Frechdachs noch Lisa irgendwo entdecken. Lisas Papa sucht derweil im Wald auf der anderen Seite des kleinen Waldbaches, wo es steil bergauf geht. „Lisas Mama ruft Jakob!“ schallt es plötzlich aus dem Walkie Talkie. „Lisa und Frechdachs noch nicht gefunden! Wir suchen weiter!“ antwortet Jakob und fühlt sich dabei wie ein richtiger Polizist. Die Kinder fahren talabwärts, versinken bis zu den Knien im Sumpf, kämpfen sich wieder frei, müssen die Fahrräder schieben und rufen immer wieder nach Lisa und Frechdachs. „Hier kommen wir mit den Rädern nicht weiter!“ stellt Moritz fest, als das dichte Gebüsch bis ans Ufer des Baches reicht. „Oh doch!“ widerspricht Anne und was nun passiert, darüber können die beiden Jungen nur staunen, denn Anne fährt einfach mitten durch den flachen Waldbach ans andere Ufer. Das Wasser spritzt nach allen Seiten, aber das Mädchen schafft es! Nun folgen auch die beiden Jungen. Am anderen Ufer können die Kinder weiterfahren. „Dort! Seht doch“ ruft plötzlich Jakob. Unter einer Trauerweide kauert Lisa. Daneben auf der Wiese steht Frechdachs und stupst Lisa mit seiner großen Nase liebevoll an. Lisa weint und Anne setzt sich gleich zu ihr und nimmt sie ganz fest in den Arm. „Ich geh‘ nicht mehr nach Hause!“ schluchzt Lisa, „nur wenn ich Frechdachs behalten darf.“ „Aber das darfst Du ja!“ ruft Moritz dem weinenden Mädchen zu. Lisa schaut den Jungen ungläubig an. „Lisa und Frechdachs gefunden!“ ruft Jakob nun voller Stolz in das Walkie Talkie. „Wo seid ihr? Geht es Lisa gut? Bitte sagt ihr, dass sie Frechdachs behalten darf …!“ antwortet Lisas Mama. Lisa weint nun nicht mehr. Ihre Augen leuchten vor Glück. Aber das Mädchen hat sich am Fuß verletzt. Wie soll sie Frechdachs nach Hause führen, wenn sie nicht richtig laufen kann? „Sie könnte auf dem Pony reiten!“ schlägt Moritz vor. Doch Lisa schafft es nicht allein auf den Rücken von Frechdachs und für die Kinder ist das verletzte Mädchen zu schwer. „Ein kluges Mädchen hat immer einen Faden in der Tasche"! scherzt Lisa nun trotz ihrer Schmerzen, kramt ein dünnes Seil hervor, bindet eine Schlinge und reicht sie Anne. „Du musst sie Frechdachs ganz oben um den Hals legen, dann kannst Du ihn führen.“ erklärt Lisa. „Ich?“ fragt Anne schüchtern zurück. „Du meinst, ich kann … ich habe noch nie ein Pferd geführt!“ Ein bisschen Angst hat Anne schon, als sie ganz nahe an Frechdachs heran tritt – von links, so wie es Lisa gesagt hat. Zuerst streichelt Anne das Pony, vom Kopf zum Hals, dann den Bauch bis zum Po. Dadurch lernt Frechdachs das fremde Mädchen kennen und spürt, dass Anne lieb ist. Nun kann Anne das Seil über Frechdachs‘ Kopf streifen. Mutig führt Anne das Pony. Im hohen Gras ist das Mädchen kaum zu sehen, aber das Pferd folgt ganz brav. Frechdachs weiß, dass Lisa in der Nähe ist. Wenn Lisa bei ihm ist, dann ist alles gut. Moritz schiebt Annes Fahrrad. Jakob hat Lisa an die Hand genommen. Das Mädchen hat immer noch Schmerzen im Fuß. Die anderen müssen oft auf Lisa und Jakob warten. Alle drei sind von oben bis unten nassgespritzt und voller Schlamm und sehen nun wirklich aus wie Schwarzfußindianer. „Cool!“ ruft Moritz staunend, als den Kindern plötzlich ein Geländewagen entgegenkommt – ein Polizei-Jeep mit Blaulicht, genau so einer, wie ihn Moritz als Spielzeugauto zu Hause hat. Vor lauter Angst um ihre Tochter und das Pony hat Lisas Mama doch lieber die Polizei gerufen, aber zum Glück haben Moritz, Anne und Jakob das Mädchen und Frechdachs schon gefunden. Zwei Polizisten, eine Frau und ein Mann, steigen aus dem Polizeiauto. „Das habt ihr toll gemacht!“ lobt die Polizistin die drei Kinder und streichelt Lisa liebevoll über ihre langen Haare. Sie möchte Lisa mit dem Polizeiauto nach Hause fahren, doch daraus wird nichts. Kaum ist Lisa ein paar Schritte weggegangen, wird Frechdachs sehr unruhig und Anne kann ihn kaum noch halten. Deshalb fährt der Polizist allein mit dem Polizeiauto los und holt die Fahrräder von Moritz und Jakob, die die beiden Jungen zurücklassen mussten. „Kannst Du reiten?“ fragt die nette Polizistin plötzlich. „Na klar!“ antwortet Lisa stolz, „sogar ohne Sattel!“ Die Polizistin lächelt und hebt Lisa ganz vorsichtig auf den Rücken des Ponys. Lisa hält sich an der Mähne fest. Anne darf Frechdachs mit Lisa auf dem Rücken bis nach Hause führen und die Polizistin läuft nebenher, damit nichts passiert. Lisas Fußverletzung ist nicht schlimm und schon nach ein paar Tagen kann sie wieder spielen, herumtoben – und reiten! Auch Moritz, Anne und Jakob möchten nun gerne reiten lernen. Voller Stolz erklärt Lisa den Kindern, wie es gemacht wird. Bevor es losgeht bekommen alle einen Reiterhelm und Handschuhe. Die Kinder lernen, dass man das Pferd zuerst striegelt und bürstet, damit es seinen Reiter kennenlernt. Das ist so ähnlich wie liebevolles Streicheln. Lisa zeigt den Kindern, wie man die Hufe reinigt, wie das Pferd gesattelt wird und wie man das Zaumzeug anlegt. Dabei muss Papa helfen, denn Lisa ist noch zu klein, um das alles allein zu schaffen. Aber nicht nur Lisas Papa hilft den Kindern, sondern auch die Polizistin, die ganz in der Nähe wohnt und Lisa manchmal besucht. Bei der Polizei muss man nämlich auch reiten können. Die Kinder lernen, dass man von links aufsteigt und wie das gemacht wird, dass man gerade sitzen muss, wo Arme und Beine hingehören und wie man die Zügel hält. „Es ist ganz leicht!“ freut sich Lisa und bald haben Anne und die beiden Jungen es auch gelernt. Das sieht richtig toll aus! Ihren ersten Ausritt machen die Kinder an der Longe. Das ist ein langes Seil, an dem Frechdachs im Kreis läuft. Die nette Polizistin hält das andere Ende der Leine fest und passt auf die Kinder auf. Als es draußen dunkel wird und Anne zu Bett geht, muss sie plötzlich wieder an das Tipi denken, dass die Kinder am Waldbach bauen wollten. Ob Lisa und Frechdachs wohl Lust haben, dabei zu helfen? Das erfahrt ihr in einer späteren Geschichte. |
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Zum Andenken an Frechdachs von Franziska Schödel & Mario Lichtenheldt |