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HORIZONT |
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Klarheit, Tiefe und Empathie - Verstehen braucht Zeit! |
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Verheimlichte Schwangerschaft - Wege aus der Angst |
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hoppsala for family - Die große Reportage
Die Personen auf dem Foto sind mit keiner der im Text genannten Personen identisch.
Am 4. Dezember 1926 kommt in Kopenhagen ein kleiner Junge zur Welt. Seine gerade 19jährige Mutter hat ihre Eltern verlassen, um ihnen die Schande einer unehelichen Geburt zu ersparen. Sie entbindet heimlich und gibt ihren Sohn Lars in eine Pflegefamilie.
Doch die Trennung von ihrem Kind geht der jungen Frau sehr nahe und verfolgt sie bis ans Ende ihres Lebens im Jahre 2002. Über die kurze gemeinsame Zeit, die ihr nach der Geburt bleibt, schreibt sie:
„Mein Sohn liegt in meinem Arm. Er ist eine so zarte kleine Last, man spürt sie fast gar nicht. Und doch wiegt sie schwerer als Erde und Himmel und Sterne und das ganze Sonnensystem. Wenn ich heute sterben müsste, so könnte ich die Erinnerung an diese holde kleine Last mit mir ins Paradies nehmen.
Ich habe nicht vergebens gelebt …
In diesem Augenblick bist du ganz mein. Aber bald wirst du anfangen zu wachsen. Jeder Tag, der vergeht, wird dich ein kleines Stück weiter von mir wegführen. Nie mehr wirst du mir so nahe sein wie jetzt. Vielleicht werde ich eines Tages mit Schmerz an diese Stunde denken …“
Vier Jahre lebt Lars bei Pflegeeltern. Seine Mutter heiratet schließlich einen Mann, der den Jungen akzeptiert und holt ihren Sohn zu sich zurück … __________
Die Realität ist weniger romantisch.
Auch heute gibt es Schwangere und Mütter, die ihr Kind nicht behalten können oder wollen, die aber dennoch nach einem Weg suchen, ihr Baby in sichere und liebevolle Obhut zu geben – so wie die Mama des kleinen Lars, deren liebevolle Zeilen wohl niemanden kalt lassen, in dessen Brust ein mitfühlendes Herz schlägt. Und genau wie die Mutter des kleinen Lars schämen sich manche dieser Frauen so sehr, dass sie sich nicht trauen, persönlich Hilfe zu suchen. Sie haben Angst, erkannt zu werden, weil sie ungewollt schwanger wurden und sich schuldig fühlen, weil sie vergewaltigt wurden oder mit Gewalt bedroht werden und niemand von der Schwangerschaft oder dem Baby wissen darf. Sie haben Angst vor den Eltern, dem Partner, der Kinder ablehnt, oder dem Verlust des Arbeits- oder Ausbildungsplatzes. Sie fürchten, als Rabenmütter geächtet zu werden oder sich immer wieder rechtfertigen und erklären zu müssen, wenn sie ihr Kind nicht behalten. Da ist das Mädchen, das ein Kind erwartet und selbst noch ein Kind ist, die Frau, die fürchtet, von der Familie verstoßen zu werden, wenn sie von dem Baby erfährt. Fast alle diese Frauen stehen allein vor einer großen und wichtigen Aufgabe, für deren Bewältigung die Natur zwei Menschen vorgesehen hat, nämlich Mutter und Vater, kurz: eine Familie!
Seit 1999 kümmert sich das Projekt „Findelbaby“ des gemeinnützigen Hamburger Vereins „Sternipark e. V.“ um Hilfe für schwangere Mädchen und Frauen sowie Mütter mit Neugeborenen in Not, betreut sie liebevoll vor, während und nach der Geburt und betreibt mehrere Babyklappen. Aus einer ursprünglich lokalen Initiative wurde durch den bundesweit erreichbaren kostenfreien Notruf
0800 456 0 789
ein Projekt, das in ganz Deutschland schnell, unbürokratisch und anonym hilft, wenn andere längst Feierabend haben. Meist melden sich Mädchen und Frauen, die ihre Schwangerschaft lange verheimlicht haben und sich in einer akuten Konfliktsituation befinden. Nicht selten muss alles sehr schnell gehen, weil die Geburt unmittelbar bevorsteht oder das Baby schon da ist und die Mutter nicht weiß, wie es nun weitergehen soll. Die garantierte Anonymität und die ständige Erreichbarkeit der Helfer sind eine wichtige Voraussetzung dafür, dass diese Schwangeren und Mütter überhaupt Vertrauen entwickeln, Hilfe suchen und annehmen.
Projekt „Findelbaby“ auch in Mitteldeutschland aktiv
Auch aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt haben Frauen und Mädchen in Hamburg Hilfe gefunden. Während die drei mitteldeutschen Länder in jüngster Vergangenheit häufig durch Kindstötungen unmittelbar nach der Geburt in die Schlagzeilen geraten sind, konnte durch das Hamburger Projekt in zahlreichen Fällen schnell und anonym geholfen werden. Aus Thüringen haben bisher 13 Mütter mit Unterstützung des Hamburger Projektes „Findelbaby“ entbunden. Davon haben sich 8 schließlich für ein Leben mit ihrem Kind entschieden. Aus Sachsen kamen 10 Frauen, von denen jedoch nur 3 ihr Kind behalten haben und aus Sachsen-Anhalt kamen 11 Frauen, von denen 6 ihr Kind wieder zu sich nahmen (Stand: November 2008).
Als im Dezember 2007 eine Frau aus Nordhausen die Hamburger Notrufnummer wählt, ist es für ihr Baby bereits zu spät. Der damalige Thüringer Sozialminister Klaus Zeh zeigt sich erschüttert und verweist auf die zahlreichen Hilfsangebote im eigenen Bundesland sowie die Möglichkeit der anonymen Geburt im Südharzkrankenhaus Nordhausen. „Hilfsangebote greifen jedoch nur,“ so der Minister, „wenn sie von den Betroffenen auch wahr genommen werden.“ Dabei vergisst er jedoch, dass solche Angebote nur wahrgenommen werden können, wenn sie bekannt, leicht und jederzeit erreichbar sind. Dass sämtliche Thüringer Kliniken anonyme Geburten akzeptieren, verrät der Minister nicht.
Warum verheimlichen oder verdrängen Frauen ihre Schwangerschaft? Warum werden Kinder ausgesetzt? Warum geraten Frauen nach verheimlichter Schwangerschaft derart in Panik, dass sie ihr Kind töten und warum sind wir so blind für die Nöte dieser Frauen?
Verhüten, Abtreiben, Veradoptieren?
Verhüten, abtreiben, zur Adoption freigeben, zu Amtsdeutsch: „Veradoptieren“ – das ist der übliche Umgang mit ungewolltem Nachwuchs 2008 in Deutschland. Das raten Eltern, Angehörige und Freunde der jungen Frau, die zur „Unzeit“ schwanger wird. Das nennen sie modern und zeitgemäß. Da ist kein Platz für Gefühle, keine Zeit für die Mutter, zur Ruhe zu kommen, ohne Stress und Druck zu sich selbst und vielleicht doch noch zum Kind zu finden. Eine Entscheidung für oder gegen ein gemeinsames Leben mit dem Baby braucht aber gerade nach verheimlichter Schwangerschaft viel Zeit. Die Mutter muss all das nachholen, was andere Frauen bereits während der Schwangerschaft für sich, das Baby und die Familie überdenken konnten. Stattdessen Ratgeber allerorten, die zu wissen meinen, was „das Beste“ für Mutter und Kind ist. Die Gefühle der Betroffenen spielen keine Rolle in den Paragraphen, die Abtreibung und Adoption glasklar regeln. Schnell und reibungslos muss alles gehen. Wer redet heute noch vom „Wochenbett“? Dabei ist gerade diese Zeit dafür gedacht, dass sich die Mutter körperlich erholen und seelisch auf das Baby einstellen kann. Und sie berücksichtigt die grundlegenden und dramatischen hormonellen Veränderungen, denen die Frau in dieser Zeit ausgesetzt ist und die erheblichen Einfluss auf ihr Verhalten haben können. Hebammen wissen das und sie beklagen zu Recht die oft viel zu kurze Verweildauer und mangelnde menschliche Betreuung der jungen Mütter in den Kliniken. Ist die Schwangere minderjährig, dann setzen sich nicht selten auch Eltern einfach über den Willen und die Meinung ihrer Tochter hinweg – oder „überzeugen“ sie eines „Besseren“ …
„Nein, meinen Paul, den gebe ich nie wieder her!“
So ist es bei Susanne, der behinderten 22jährigen, die ihre Schwangerschaft über die 12-Wochengrenze hinaus verheimlicht, weil sie ihr Baby unbedingt behalten möchte. Ihr ist klar, dass die Eltern auf einer Abtreibung bestehen würden. Susanne ist behindert, aber nicht dumm. Sie hat den Hauptschulabschluss und die Ausbildung als Schwesternhelferin geschafft. Sie ist erwachsen und kann für sich selbst entscheiden. Die Eltern sehen das anders. Nachdem Susanne mit dem inzwischen deutlich sichtbaren Babybauch das Haus zeitweise nicht verlassen darf, (wegen der Nachbarn) soll sie schließlich auf Wunsch ihrer Eltern anonym entbinden, damit das Kind später nicht erfährt, dass seine Mutter behindert ist. Doch Susanne, die nie gefragt wird und der niemand etwas zutraut, widerspricht! Heimlich ruft sie den Notruf an, kämpft um ihr Kind! Sie entbindet einen kerngesunden Jungen, ein Baby, das es nach dem Willen seiner Großeltern gar nicht geben dürfte. Susanne hat ihrem Sohn das Leben gerettet und sie hat gelernt, sich durchzusetzen. Sie hat sich erfolgreich dagegen gewehrt, dass andere über ihr Kind bestimmen!
Der Entschluss, ein Kind wegzugeben, ist immer brutal – für Kind und Mutter. Es geht nicht darum, dass die vielen kinderlosen Paare in Deutschland möglichst schnell ein Baby adoptieren können. Es geht zuerst um das Kind und seine leibliche Mutter. Kinder gehören zu ihren leiblichen Eltern, es sei denn, Vater oder Mutter gefährden Leben oder Gesundheit der Kinder. So sieht es der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichtes Ernst Benda. So sagt es der gesunde Menschenverstand. Ein Baby erkennt die Frau, deren Herzschlag und deren Stimme es 9 Monate lang gehört hat, deren Geruch es kennt und bei der es geborgen war. Diese Tatsache ist wissenschaftlich erwiesen. Eingang in die Rechtsentwicklung hat sie bisher nicht bzw. bei Weitem nicht zur Genüge gefunden.
Kerstin
Kerstin hat bereits vier Kinder. Das vierte war nicht geplant und ihr Mann ist alles andere als begeistert, als er von der Schwangerschaft erfährt. Es kommt zu Spannungen in der Ehe. Für ein weiteres Kind ist die Wohnung viel zu klein. Trotzdem bringt Kerstin das Kind zur Welt. Die Familie lässt sich auf das Wagnis ein, sich ein eigenes Heim zu schaffen, damit die Kinder genug Platz haben. Doch die Kosten für den Neubau steigen ins Unermessliche – trotz umfangreicher Eigenleistungen. Es gibt Ärger mit den Baufirmen und ausgerechnet jetzt wird Kerstin trotz Verhütung erneut schwanger. Sie rackert weiter, muss am Bau bis in die Nacht hinein schuften, um die Kosten niedrig zu halten, muss sich um die Hausarbeit und die vier Kinder kümmern. Ihr Mann arbeitet im Ausland, ist nur am Wochenende zu Hause, kommt mit der Masse der Probleme nicht klar und reagiert häufig ungehalten. Sie schafft es nicht, ihm die Schwangerschaft zu offenbaren. Zu groß ist die Angst vor ihm. Einfach „gehen“ kann sie nicht. Da sind die Kinder, das Haus.
Verdrängen, verheimlichen, wachsende Angst. Am Ende versteckt sich Kerstin regelrecht vor ihrem Mann. Sie ist inzwischen so verzweifelt, dass sie sich überlegt, wie sie das Kind heimlich zur Welt bringen und anschließend, so Kerstin wörtlich, „beseitigen“ kann.
Doch dann erinnert sie sich daran, schon einmal etwas von einer Babyklappe und einem Verein namens „Sternipark“ gehört zu haben. Nur Sekunden später hat Google die Homepage von „Sternipark e. V.“ gefunden:
„Vielleicht haben Sie unsere Homepage aufgerufen, weil Sie schwanger sind, niemand davon wissen soll und Sie dabei jetzt Hilfe benötigen. Das Projekt Findelbaby steht kostenlos, bundesweit 24 Stunden am Tag über die Telefonnummer 0800 456 0 789 zur Verfügung.“
Ein paar Zeilen nur, doch die Hoffnung, die Kerstin in sie setzt, ist riesengroß! Kerstin schreibt eine Mail; die Antwort kommt prompt:
„Wir helfen Dir!“
Die Absenderin, Leila Moysich, Leiterin des Hamburger Projektes „Findelbaby“, hatte sich um 23:45 Uhr die Mühe gemacht, zu antworten.
Es wird knapp. Kerstin ist im 9. Monat. Die Wehen setzen ein. Die Frauen von „Findelbaby“ tun, was nötig ist, helfen ohne viele Worte und Fragen. Kurze Zeit später steigt Kerstin in ein Taxi, das sie in ein Krankenhaus bringt, wo sie bereits erwartet wird. Kaum angekommen platzt die Fruchtblase. Kerstin entbindet anonym, während Leila sie unterstützt, ihr Zuspruch gibt und die Hand hält. Kerstin schenkt einem Jungen das Leben, gibt ihn in eine Pflegefamilie und fährt zurück zu ihrem Mann, der so mit sich selbst beschäftigt ist, dass er weder die Schwangerschaft noch die Geburt bemerkt. Zu sehr ist Kerstin Mutter. Sie erträgt es nicht, ohne ihr Kind zu sein. Sie hält Kontakt zur Pflegefamilie, in der ihr Sohn nun lebt, offenbart sich ihren Kindern und dem Ehemann. Der sieht nur die zusätzlichen Belastungen und redet Kerstin ein, sie sei verantwortungslos. Die Ehe, die schon längst keine mehr ist, geht kaputt.
Kerstin holt ihren Sohn zu sich zurück, genau wie die Mutter des kleinen Lars!
Aber Kerstin lebt heute – und sie lebt allein mit 5 (!) Kindern und engagiert sich für Mädchen und Frauen in ähnlich prekärer Lage, auch für Frauen, deren Babys niemand mehr helfen kann. Kerstin ist dankbar, rechtzeitig Hilfe gefunden zu haben - und sie hat Verständnis für Frauen, die dieses Glück nicht hatten …
Schwangerschaft – Segen oder Last?
Da macht ein Arbeitgeber die Einstellung einer jungen Frau von einem negativen Schwangerschaftstest abhängig. Da berät eine große Krankenkasse Arbeitgeber, wie man Schwangere „juristisch sauber“ am schnellsten los wird. Da wird der schwangeren Auszubildenden von ihrem Arbeitgeber, einem Arzt (!) nahegelegt, von sich aus zu kündigen, weil sie sonst mit einem unerträglichen Betriebsklima rechnen müsse.
Das ist nur die Spitze eines Eisberges aus knallharten persönlichen Nachteilen und emotionaler Kälte, dem sich Schwangere nicht selten gegenübersehen. Solange das so ist, so lange muss es Menschen geben, die ihnen eine helfende Hand reichen – zu jeder Zeit und an jedem Ort, wenn nötig mitten in der Nacht auf einem Bahnhof oder im Kreißsaal.
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Was die „unsichtbaren“ Mütter Mitteldeutschlands mit einer weltberühmten Kinderbuchautorin verbindet |
