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„Ability“

Thüringer Modellprojekt

zur Berufs-, Studien- und Lebensplanung

Die Feststellung von Grundfertigkeiten und individuellen Begabungen im Hinblick auf die Berufswahl von Schülern der 8. Klasse stand zum Ende des Schuljahrs im Mittelpunkt des thüringenweiten Modellprojektes „Ability“. Neben weiteren 33 vergleichbaren Schulen nahm daran auch die Regelschule Gräfinau-Angstedt teil. Ziel des Projektes war ausdrücklich nicht die pure Vermittlung von Wissen, sondern die Ermittlung fachübergreifender Handlungskompetenzen der Schüler. Bei der Durchführung orientierte man sich an den in der freien Wirtschaft üblichen Bewerber-Screenings. Individuelle Stärken und Schwächen der Schüler konnten so herausgearbeitet und den Schülern eine Orientierung gegeben werden, in welche Richtung ihr Berufswunsch gehen könnte und woran sie hierbei noch arbeiten müssen.

 

Kennzeichnend für das Projekt "Ability" ist die Verknüpfung von beruflicher Orientierung mit kreativen Methoden. Vor allem durch spiel- und theaterpädagogische Arbeitsweisen soll das Interesse der Mädchen und Jungen für Fragen der Berufs- und Studienwahl und damit der ganz persönlichen Lebensplanung geweckt werden.

Im Zentrum des Gräfinauer Projektes standen genau jene acht Grundfertigkeiten, die auch in der Wirtschaft eine große Rolle spielen: Teamfähigkeit, Fingerfertigkeit, Konzentration, sprachliche Ausdrucksfähigkeit, Geduld, Einfühlungs-vermögen, Wahrnehmung und Kreativität.

 

Im Rahmen des Projektes gelang es außerdem, bislang nur wenig oder gar nicht bekannte, über die Zielsetzung hinausgehende  individuelle Fähigkeiten zu erkennen. Letztendlich ging es um die in der Personalwirtschaft so bezeichneten überfachlichen Schlüsselqualifikationen und die individuelle Ausbildungsreife, die heute auch international längst nicht mehr nur an Noten und schubladenartig abgespeichertem Fachwissen festgemacht wird.

 

Das Projekt

 

Ziel der sieben aufeinanderfolgenden Projekttage in Gräfinau-Angstedt war es, die genannten Grundfertigkeiten spielerisch herauszuarbeiten, die Stärken und Schwächen jedes Einzelnen durch wiederholte Selbst- und Fremdeinschätzung zu ermitteln und schließlich zu hinterfragen, für welche Berufe oder Berufsgruppen die einzelnen Mädchen und Jungen prädestiniert erscheinen. Dabei ging es nicht zuletzt darum, dass der künftige Beruf als wesentlicher Teil eines glücklichen Lebens den Jugendlichen auch Selbstbestätigung und Freude vermittelt. Am Ende standen Fragen, wie: Was habe ich über mich selbst erfahren? Was ist mein Ziel und was fehlt mir noch auf dem Weg dorthin?

1. und 2. Tag

 

Zunächst wurden alle möglichen Berufe zusammengetragen, die von den Schülern z. T. schon als mögliche Ausbildungsziele ins Auge gefasst worden waren. Es zeigte sich, dass zahlreiche Mädchen und Jungen hierzu bereits sehr konkrete Vorstellungen haben, andere dagegen noch völlig im Ungewissen sind.

 

 

Als zweiten Schritt wurden die Wunsch- und Beispielberufe bestimmten Berufsgruppen zugeordnet (Dienstleistungs-branche, Handwerk, künstlerischer Bereich, Verwaltung, Soziales), um schon an dieser Stelle den Horizont der Schüler auf mögliche Alternativen zu lenken und Enttäuschungen zu vermeiden, falls eine Ausbildung im jeweiligen „Traumberuf“ nicht möglich ist.

 

Nun galt es, herauszufinden, welche der genannten Grundfertigkeiten und überfachlichen Kompetenzen in welchen Berufen eine besondere Rolle spielen. Für jede Berufsgruppe wurde im Team eine Collage angefertigt, die dann mündlich präsentiert werden musste. Kreativität und sprachliche Ausdrucksfähigkeit waren hierbei besonders gefordert.

 

Am Ende des Tages erneut Fragen an sich selbst: Wie sehe ich mich? Wie sehen mich andere? Dass Selbst- und Fremdeinschätzung mitunter meilenweit auseinanderliegen können und dass eine ehrliche Einschätzung durch andere hart sein kann – auch das mussten die Schülerinnen und Schüler erst einmal verkraften. Kritikfähigkeit, aus erkannten Fehlern und Unzulänglichkeiten lernen – das kann weh tun, ist aber auf dem Arbeitsmarkt überlebenswichtig! Nicht nur in dieser Hinsicht haben es die Mädchen und Jungen, die heute ins Berufsleben drängen, erheblich schwerer als ihre Eltern!

 

3. bis 5. Tag

 

Wie kann man feststellen, ob jemand fingerfertig ist, ob er über Einfühlungsvermögen verfügt oder Geduld hat?

 

Was nach außen wie kindische Spielerei wirken mag, hat einen ernsthaften Hintergrund.

 

Auf einem Flaschenhals ein sog. „Storchennest“ zu bauen, erfordert neben Fingerfertigkeit auch Konzentration, Ruhe, Geduld und Teamfähigkeit, letzteres z. B. dann, wenn sich herausstellt, dass einer im Team es am besten kann und die anderen im Interesse der gemeinsamen Aufgabe zurücktreten.

 

Aus vorgegebenen, scheinbar völlig ungeeigneten Materialien  (Trinkröhrchen, Plastikfolie) etwas „erfinden“, dass geeignet ist, den freien Fall eines rohen Hühnereies so zu bremsen, dass es einen Sturz aus 1 m Höhe überlebt – eine sinnlose Aufgabe?

 

Keineswegs!

 

Tagtäglich stellen sich z. B. in der IT-Branche, in der Fahrzeugentwicklung und im Fahrzeugbau, im Rahmen moderner Umwelttechnologien und nicht zuletzt im Rettungs- oder Polizeidienst Situationen ein, deren Lösung in keinem Lehrbuch beschrieben ist. Hier sind selbständiges Denken, Kreativität und in den letztgenannten Beispielen Sozialkompetenz gefragt. Das rohe Ei aus dem Modellprojekt könnte im wirklichen Leben ein Neugeborenes sein, dessen Transport z. B. in einem speziellen Rettungswagen möglichst schonend erfolgen muss.

 

Einen blinden, gehörlösen oder behinderten Menschen durchs Leben oder (z. B. als Krankenschwester) auch nur vom Krankenbett zum Arzt zu begleiten, erfordert nicht nur Aufmerksamkeit für zwei, sondern auch Einfühlungsvermögen. Besonders im Umgang mit Kindern und Jugendlichen, Schwangeren, alten, pflegebedürftigen Mitmenschen oder Menschen in sozialen Notlagen kommt es darauf an, einfühlsam, verantwortungsbewusst und menschlich zu handeln. Im Spiel halfen sich die Mädchen und Jungen gegenseitig mit verbundenen Augen durch ein Wirrwarr von gegenständlichen Hindernissen – und das ohne blaue Flecke! Im wahren Leben sind solche Hindernisse nicht immer so leicht fassbar.

 

Sich auf hohem sprachlichen Niveau klar und deutlich auszudrücken, Arbeitsanweisungen so zu erteilen, dass sie präzise befolgt werden können – im Zeitalter des Internets und global tätiger Unternehmen unverzichtbar! Wie man dies auf einfachste Weise trainieren kann, demonstrieren Yvonne (l.) und Katharina (r. Bild ganz oben).

 

Die Aufgabe für die beiden Rücken an Rücken sitzenden Mädchen lautete, ein möglichst exakt gleiches Streichholzbild zu schaffen, wobei die Beiden zwar miteinander sprechen durften, aber nicht sehen konnten, was auf dem jeweils anderen Tisch entstand. Im Wirtschaftsleben könnten Ländergrenzen zwischen ihnen liegen und das Streichholzbild könnte ein Patient auf einem OP-Tisch sein, dessen Operation von Studenten oder Spezialärzten weit entfernt am Monitor verfolgt oder gar geleitet wird. Fernseminare und Dialoge via Internet sind ähnliche Anwendungsbeispiele.

 

Eine Person in einer bestimmten Körperhaltung verbal genau so zu beschreiben, dass dieses „Figur“ vom Zuhörer rekonstruiert werden kann, erfordert sprachliche Ausdrucksfähigkeit ebenso wie Geduld, Konzentration, Ausdauer, Teamgeist und Kraft. Synchrone Bewegungen und Körperhaltungen – so manche Sportart wäre ohne Menschen mit diesen Fertigkeiten undenkbar. Etwas spiegelverkehrt beschreiben und darstellen ist das non plus ultra beim Ballet!

 

Teamfähigkeit heißt nicht nur, mit jemandem, den man kennt und vielleicht sogar mag (Freundin) zusammenzuarbeiten, sondern sich immer wieder in neue Teams hineinzufinden. Ob der schnelle Wechsel von Arbeitsgängen und der damit verbundene ständige Zwang, sich auf neue Kollegen und Mitarbeiter einzustellen, sozial gesund sind, sei dahingestellt. Fakt ist: Es handelt sich um eine Erscheinung der modernen Marktwirtschaft, mit der Berufseinsteiger rechnen müssen. Das über Jahre hinweg zusammengewachsene Team gehört in vielen Industrie- und Dienstleistungsbereichen der Vergangenheit an. Aus diesem Grunde wechselten auch die Ability-Schülerteams täglich mehrfach; Zusammenarbeit mit Freund oder Freundin war ausdrücklich nicht erwünscht. Gerade diese völlige Verballhornung des Begriffes „Team“ durch die wirtschaftliche Realität ist eine Tatsache, die zeigt, dass Schüler, die heute ins Berufsleben starten, mit völlig anderen, persönlich z. T. extrem belastenden Situationen konfrontiert werden, als das bei der Elterngeneration vor 20 oder 30 Jahren der Fall war.

 

Kritik

 

Die Frage, ob die sieben Projekttage nicht besser durch straffen Unterricht anstatt durch derartige „Spielereien“ genutzt worden wären, wird sowohl in Eltern- als auch in Lehrerkreisen kontrovers diskutiert.

 

Nach wie vor spielen die traditionellen Schul- und Prüfungsnoten im Thüringer Bildungssystem als Bewertungsmaßstab für den Übertritt ins Berufsleben eine ganz wesentliche Rolle.

 

Fakt ist aber auch: Wer die Vermittlung der z. B. durch das Modellprojekt „Ability“ in zaghaften Ansätzen erarbeiteten Schlüsselkompetenzen vernachlässigt, tut den Kindern und Jugendlichen auf ihrem Weg ins Berufsleben keinen Gefallen.

 

Bleibt zu hoffen, dass die anhaltende Diskussion über das Für und Wider vor allem für diejenigen Vorteile bringen möge, die es betrifft: Die Schülerinnen und Schüler!