HORIZONT

Klarheit, Tiefe und Empathie -

Verstehen braucht Zeit!

Der Schnitt -

Jungen als Opfer

 

Genitalverstümmelung

von Jungen zwischen Medizin, Ritual und Kommerz

 

www.bravo.de - Der Schnitt

www.bravo.de - Jesse (12)

 

Von Mario Lichtenheldt und Dr. Gabriele Engelhardt

 

„Gewaltopfer treten immer häufiger in das Blickfeld der Menschen in unserem Land. Das ist gut so.

 

Opfer von Gewalt sind sowohl weibliche als auch männliche Mitbürger. Irritierend ist dabei die Tatsache, dass das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine Broschüre herausgegeben hat mit dem Titel „Genitale Verstümmelung bei Mädchen und Frauen“. Auf Verstümmelungen von Jungen und Männern wird nicht eingegangen. Sie werden, obwohl durchaus existent, kurzerhand unter den Tisch gekehrt.

 

Immer öfter sprechen beschnittene Jungen und Männer wegen der Folgeschäden in Arztpraxen vor, ohne dass den Ärzten und Ärztinnen und selbst den Betroffenen gleich bewusst ist, dass die vorgetragenen Leiden auf eine Genitalverstümmelung zurückzuführen sind.

 

Unter Beschneidung oder Zirkumzision versteht man die Entfernung bzw. das Abschneiden der männlichen Vorhaut. Eine zwingend notwendige medizinische Indikation ist selten, man spricht von 1% aller Zirkumzisionen. Die Beschneidung bei Kindern ohne oder unter dem Vorwand medizinischer Indikation wird als gefährliche Körperverletzung eingeordnet. Ein Operateur, der an einem minderjährigen und nicht einsichtsfähigen Jungen eine medizinisch nicht notwendige Zirkumzision vornimmt, macht sich wegen Körperverletzung strafbar (§ 223 Absatz 1 des Strafgesetzbuchs), in der Regel sogar wegen gefährlicher Körperverletzung  (§ 224 des Strafgesetzbuchs).

 

Ende der 1990er Jahre fand in Oxford ein internationales Symposium über sexuelle Verstümmelung statt. Ärzte, Psychologen, Juristen und Menschenrechtsexperten waren sich über die Verheerungen, die der Schnitt in der männlichen Libido anrichtet, einig. Darüber hinaus sind weitere psychische Störungen, unter denen die Betroffenen häufig ihr Leben lang leiden, Folgen einer Zirkumzision.

 

Wer Gewalt gegen männliche Mitbürger durch Genital-verstümmelung verschweigt, trägt zu deren Verharmlosung bei und leistet Vorschub zu deren Legitimation.“

 

Dr. Gabriele Engelhardt, Hamburg

 

***

 

Die Beschneidung der Vorhaut bei minderjährigen Jungen – trotz vielfältiger vor allem nichtoperativer und sehr erfolgreicher Alternativen werden in Deutschland und Österreich noch immer zahllose Jungen ohne wirkliche medizinische Notwendigkeit leichtfertig an ihrer Vorhaut beschnitten. Die Tatsache, dass eine symptomfreie verengte oder verklebte Vorhaut bis mindestens zur Pubertät überhaupt keiner Behandlung bedarf, weil es sich um einen entwicklungphysiologisch völlig normalen Zustand handelt, erfahren Eltern und Patienten nur selten.

 

In Übersee machen Pharma- und Kosmetikkonzerne das große Geschäft mit der Vorhaut und den Schmerzen neugeborener Jungen. Gravierende OP-Komplikationen und sogar Tote werden dafür in Kauf genommen.

 

In Afrika und Australien ist Jungenbeschneidung ein grausames Ritual, das jährlich viele Tote fordert, und Juden und Moslems tragen ausgerechnet in der Unterhose ein identitätsstiftendes Symbol, auf das man(n) keinesfalls verzichten kann.

 

Und so haben Erwachsene weltweit ihre Gründe, an der beinahe schon selbstverständlichen Verstümmelung kindlicher Penisse festzuhalten. Einer entschuldigt sich damit, dass es „die anderen“ ja auch tun.

 

Die einzigen, die bei all dem nicht gefragt werden, sind die Jungen selbst!

 

Phimose – eine Krankheit, die gar keine ist!

 

Tag für Tag wird an zahllosen Jungen in Deutschland und Österreich eine Operation vorgenommen, die nach Ansicht von Fachärzten in bis zu 90 % aller Fälle medizinisch unnötig und daher vermeidbar wäre – die Beschneidung der Penisvorhaut wegen einer kindlichen Phimose (Vorhautverengung).

 

Während deutsche Krankenkassen fragwürdige Zusatzbeiträge erheben, verursacht eine sinnlose Operation massenhaft unnötige Kosten. Für die kleinen Patienten bedeutet der Eingriff ein durch nichts zu begründendes OP-Risiko, unnötige Schmerzen sowie körperliche und psychische Folgen, mit denen die Jungen später fast immer allein bleiben. Bei dem oft als harmlos verniedlichten Eingriff handelt es sich zudem um eine Operation, bei der ein funktioneller Bestandteil der männlichen Geschlechtsorgane entfernt wird, eine Operation, die auch Folgen für die (spätere) Sexualität haben kann.

 

Dabei erfahren Eltern nur selten, dass eine Phimose mindestens bis zur Pubertät völlig unbedenklich ist, wenn sie frei von Krankheitssymptomen bleibt. Vorenthalten wird ihnen oftmals auch, dass selbst eine behandlungsbedürftige Vorhautverengung nur in wenigen Fällen operiert werden muss.

 

Rund 80 % der betroffenen Jungen können erfolgreich mit Salben behandelt werden – völlig schmerzfrei, angstfrei, ohne Verletzung und ohne bleibende körperliche Veränderungen. In den verbleibenden Fällen kann fast immer vorhauterhaltend operiert werden. Hierfür stehen moderne OP-Verfahren zur Verfügung, bei denen die Vorhaut lediglich eingeschnitten und geweitet, nicht aber entfernt wird.

 

Der Schnitt“ - Ein Buch mit Tiefgang

 

2009 erschien in Deutschland erstmals ein Sachroman, der sich explizit mit den Themen Phimose, Beschneidung und deren Folgen für die betroffenen Kinder und Jugendlichen befasst. Die wissenschaftliche Kommentierung dazu erstellte im Frühjahr 2010 Frau Dipl.-Psych. Dr. Gabriele Engelhardt (siehe Anhang).

 

Den Tod eines kleinen Jungen im Sommer 2006 nahm der auf Arzthaftungsrecht spezialisierte Hamburger Rechtsanwalt Lukas Stoermer zum Anlass, vor allem Eltern für die möglichen körperlichen und psychischen Konsequenzen dieser umstrittenen und oft unnötigen Operation zu sensibilisieren. Zugleich kritisiert er die häufig unzureichende oder gar fehlende ärztliche Aufklärung über alternative Behandlungsmöglichkeiten.

 

Der Autor begleitet den zu Beginn der Handlung 13jährigen Internatsschüler Manuel ein Stück auf seinem Weg durch Kindheit, Jugend und Erwachsenwerden. Dabei dreht sich alles um die medizinisch völlig sinnlose, dafür aber folgenschwere Beschneidung des Jungen und seines gleichaltrigen Freundes David.

 

Der Roman zeigt das stille Leid und die Scham nach dem „Schnitt“, Gefühle, über die kaum ein Junge redet. In den zynischen Taktlosigkeiten einiger Schwestern im Krankenhaus und den teilweise handgreiflichen Erniedrigungen und Demütigungen, die Manuel und David durch ihre Mitschüler erfahren, offenbaren sich erschreckende Parallelen zu den Missbrauchsfällen, die im Frühjahr 2010 bekannt wurden - wohl gemerkt: Das Buch erschien bereits 1 Jahr zuvor!

 

Die rücksichtslose Routine, welcher Kinder und Jugendliche in Internaten und Kinderheimen ausgesetzt sind, wird erst auf den zweiten Blick klar. Keine Chance, sich gegen diese immer gleichen Abläufe zu wehren, zu denen bei Jungen eine indiskrete und fast schon brutale „Eingangsuntersuchung" offenbar dazu gehört.

 

Jungen in Internaten, Klosterschulen, Kinderheimen, ja sogar Knabenchören und Eliteschulen waren auch die Opfer unzähliger im Frühjahr 2010 bekannt gewordener Fälle von sexuellem Missbrauch.

 

Zufall?

 

Im zweiten Teil des Buches ist Manuel erwachsen und selbst Vater eines 9jährigen Sohnes. Es kommt, wie es kommen musste: Auch Benjamin soll nach Meinung der Ärzte beschnitten werden – ohne medizinischen Grund, sozusagen „prophylaktisch", weil er sowieso narkotisiert werden muss. Dass ein solches Vorgehen rechtswidrig ist, bemerkt der medizinische und juristische Laie ohnehin nicht.

 

Wie Benjamin und seine Eltern auf dieses zwischen Flur und OP-Saal geäußerte makabere Ansinnen der Mediziner reagieren – lesen Sie selbst …!

 

Der Autor über das Buch

 

"Die Beschneidung von Mädchen, vor allem in Afrika, aber auch anderswo in aller Welt, wird schon seit langem zu Recht kritisiert und geächtet. Insbesondere der Roman „Wüstenblume" von Waris Dirie führt die Folgen dieses grausamen Rituals, gegen das viele Organisationen seit Jahren ankämpfen, besonders drastisch vor Augen.

 

Demgegenüber ist die Jungenbeschneidung nach wie vor höchst selten Gegenstand gesellschaftlicher Diskussionen. Meist fallen in diesem Zusammenhang Sätze wie: „Es ist schließlich nur ein ganz kleiner Eingriff, der hygienisch nur Vorteile bringt und zudem schnell wieder verheilt."

 

In der Tat wird eine Jungenbeschneidung in der Regel als etwas „ganz Normales" dargestellt, selbst in bedeutenden Romanen der Weltliteratur. So beginnt beispielsweise John Irwing’s „Gottes Werk und Teufels Beitrag" damit, dass auf einer Säuglingsstation alle neugeborenen Jungen unmittelbar nach der Geburt ganz selbstverständlich beschnitten werden.

 

Dass eine Beschneidung jedoch ein - im wahrsten Sinne des Wortes - sehr einschneidendes Erlebnis im Leben eines Jungen sein kann und von den Betroffenen nicht nur als positiv, ja mitunter sogar als sexuelle Verstümmelung empfunden wird, wird häufig übersehen.

 

Da Jungen in aller Regel vor der Pubertät beschnitten werden, fehlt den meisten die Vergleichsmöglichkeit des sexuellen Lustempfindens mit einem intakten Penis. „Der Schnitt" erzählt von einem Jungen, dessen Vorhautentfernung genau in die Zeit der Pubertät fiel. Manuel schreibt über seine Gefühle und die mit der Beschneidung verbundenen Folgen, über den Umgang mit Mädchen sowie über die eigene sexuelle Identität und das Gefühl „anders" zu sein, das er auch später nie wirklich los wurde.

 

Der aktuelle Anlass, dieses Buch zu verfassen, war der tragische Tod des kleinen Franjo, der im Anschluss an seine Beschneidung sterben musste und der Auftakt des Prozesses gegen die behandelnde Ärztin in Hamburg.

 

Dieses Buch soll weder als Anklage verstanden werden, noch als Versuch, in irgendeiner Weise die Beschneidungen von Männern und Frauen miteinander zu vergleichen oder die Beschneidung von Jungen in anderen Kultur- und Religionskreisen zu kritisieren. Es will lediglich den Fokus auf ein Tabuthema lenken, über das in Deutschland immer noch weitgehend Unkenntnis herrscht."

 

Lukas Stoermer, März 2009

 

Der Roman

 

Wir schreiben das Jahr 1984. Nach schulischen Problemen und einem gescheiterten „Fluchtversuch“ von zu Hause wird Manuel in ein Internat gesteckt. Die medizinische Aufnahmeuntersuchung dort konzentriert sich seltsamerweise vor allem auf die Genitalien des Jungen und hat mit Achtung der Intimsphäre, Rücksichtnahme und Einfühlsamkeit nichts zu tun. Die Anstaltsärztin diagnostiziert eine Vorhautverengung - peinlich für einen pubertierenden 13jährigen! Doch es soll noch schlimmer kommen:

 

Manuel hatte bislang noch nie Probleme im Schritt und fühlt sich auch nicht krank. Schmerzen hat er erst jetzt, nach dem brutalen Zurückreißen der Vorhaut durch die Ärztin. Umso heftiger trifft ihn die Ankündigung, ihn umgehend zur Beschneidung ins Krankenhaus zu überweisen.

 

Nach anfänglichem Aufbegehren fügt sich Manuel in sein Schicksal. In der nahegelegenen Klinik, in der Jungen offenbar gleich reihenweise beschnitten werden, wird Manuel „von seiner Vorhaut befreit“, wie die Ärztin es ausgedrückt hatte.

 

Und tatsächlich scheinen sich die Krankenschwestern auf der kinderurologischen Station als „Missionarinnen im Schritt kleiner und großer Jungen“ zu verstehen – Perversion im weißen Kittel. Parallelen zu der in weiten Teilen der USA nach wie vor üblichen Routinebeschneidung neugeborener Jungen sind unübersehbar.

 

Ein Instinkt sagt Manuel, dass ihm und den anderen Jungen auf der Station Unrecht geschehen ist. Der Verdacht, bestraft worden zu sein, ergreift Besitz von Manuels Denken und Fühlen, das sich von nun an mehr und mehr darum dreht, das „Brandzeichen“ vor anderen geheim zu halten.

 

Wenig später werden dem Teenager ungeahnte Folgen der Operation bewusst: Mit der Vorhaut wurde ihm auch ein erheblicher Teil seiner gerade erst erwachenden sexuellen Erlebnisfähigkeit genommen. Nun versteht er die zynische Häme, mit der eine Schwester die Station als „vorhautfrei“ an ihre Ablösung übergeben hat.

 

Manuel verbrüdert sich mit David, einem ebenfalls beschnittenen Jungen aus dem Internat. Für das permanente Streben, ihren „Makel“ vor anderen zu verbergen, zahlen die Beiden einen hohen Preis.

 

Sie werden zu Außenseitern und bekommen neben Hohn und Spott nun auch noch massive körperliche und psychische Demütigungen und Erniedrigungen zu spüren. Nur ein Zufall rettet die beiden vor einer regelrechten Vergewaltigung.

 

Manuel und David erleben sich in der Rolle des Opfers ebenso wie in der des sexuellen Exoten. Die beiden Jungen bekommen die Folgen einer OP zu spüren, die sie ungefragt über sich ergehen lassen mussten und über die andere entweder lachen oder sie als harmlose Nebensache abtun.

 

„Der Schnitt“ - ein Versuch, die Menschen auf etwas aufmerksam zu machen, das bislang in Schweigen gehüllt und deshalb als völlig normal hingenommen wurde.

 

 

Fortsetzung nächste Seite >>>