HORIZONT

Klarheit, Tiefe und Empathie -

Verstehen braucht Zeit!

Katharinas Baby

Heute möchte ich Euch eine traurige Geschichte erzählen, die vor über 500 Jahren auf einer uralten Burg hoch oben auf einem steilen Berg passiert ist.

Auf dieser Burg lebte damals der Ritter Kunibert mit seiner jungen Frau Katharina und den drei Kindern Hanny, Fanny und Jonas.

Es war Frühling und Hanny und Fanny waren genau 7 Jahre alt. Die beiden Mädchen waren Zwillinge und sahen deshalb genau gleich aus. Nur einen einzigen winzigen Unterschied gab es zwischen den beiden, aber das ist ein Geheimnis. Also pssst! Nicht weitersagen! Fanny hatte nämlich hinter ihrem rechten Ohr einen Leberfleck. Wenn die Kinder etwas angestellt hatten und die Eltern nicht genau wussten, wer Hanny und wer Fanny war, dann schauten sie einfach hinters rechte Ohr. Hanny versuchte zwar manchmal, sich auch einen Leberfleck anzumalen, aber der ging beim Waschen immer wieder ab und so wussten die Eltern immer, wer Hanny und wer Fanny war.

Hoppla! Beinahe hätte ich Jonas vergessen. Jonas, der kleine Bruder von Hanny und Fanny, war 6 Jahre alt und weil es auf der Burg keine Schule gab, musste Mama Katharina ihn und die beiden Mädchen jeden Tag ins Dorf unten im Tal zur Schule bringen.

Katharina, die Mama von Hanny, Fanny und Jonas, war wunderschön, hatte lange blonde Haare und wie jede Mama hatte sie ihre Kinder so lieb wie keinen anderen Menschen auf der Welt.

Ritter Kunibert war ein sehr strenger Vater, aber trotzdem lieb. Wenn er zu Hause war, musste immer alles ganz ordentlich sein und das Essen musste fix und fertig auf dem Tisch stehen, weil er immer großen Hunger hatte.

Meist war Ritter Kunibert aber mit seinem schwarzen Pferd in den Wäldern unterwegs. Manchmal kam er tagelang gar nicht nach Hause. Kunibert war ein armer Ritter. Früher war er oft in den Wäldern zur Jagd und hat mit seiner Rüstung und seinem Schwert die Straße bewacht, die an der Burg vorbei führt. Dafür mussten die Reisenden Geld bezahlen. Aber irgendwann kamen einfach keine Kutschen mehr, die Kunibert bewachen musste und so verdiente er kein Geld mehr, obwohl er Tag und Nacht unterwegs war.

Auf der Burg gab es viel Arbeit. Die Mama von Hanny, Fanny und Jonas musste alles ganz alleine schaffen. Sie musste Wasser aus dem Brunnen schöpfen und mit schweren Eimern in die Burg schleppen. Es gab ja noch keine Wasserleitung und keinen Wasserhahn. Sie musste Essen für den Ritter und die Kinder kochen, die Zimmer aufräumen, Wäsche waschen, die Tiere füttern und den Pferdestall sauber halten. Sie musste unten im Dorf einkaufen gehen und die Kinder zur Schule bringen und wieder abholen, alles zu Fuß, denn für eine Kutsche hatte Ritter Kunibert auch kein Geld und Autos gab es ja noch nicht.

In einem Rucksack und zwei riesigen Taschen schleppte Katharina alles, was sie unten im Dorf eingekauft hatte, den steilen Burgberg hinauf: Brot und Eier, Milch, Butter und Gemüse, Äpfel, Fleisch, Wurst und Mehl, Spielsachen und Kleidung für die Kinder und was man sonst zum Leben braucht.

Mama Katharina hatte so viel Arbeit, dass sie an manchen Tagen schon sehr früh aufstehen musste, wenn es draußen noch ganz dunkel war. Dann arbeitete sie den ganzen Tag über und ging abends erst spät zu Bett, wenn es schon wieder dunkel war und Hanny, Fanny und Jonas schon lange schliefen.

Ganz oben im Burgturm gab es ein kleines Fenster. Bevor Mama Katharina nachts zu Bett gehen durfte, musste sie erst noch ein Licht in dieses Fenster stellen, damit der Ritter draußen im Wald wusste, dass alles in Ordnung ist.

Katharina hatte gar keine Zeit mehr, um mit den Kindern zu spielen, so viel musste sie arbeiten. Sie lachte nicht mehr und war oft traurig.

Mama, warum bist Du denn nur immer so traurig?“ fragten eines Tages Hanny und Fanny. Und Jonas flüsterte ganz leise:

Mama, hast Du uns vielleicht nicht mehr lieb?“

Doch, ich hab‘ Euch noch lieb, hab‘ Euch immer lieb, viel lieber als alle anderen Menschen auf der Welt!“ antwortete Mama. Katharina nahm ihre Kinder ganz fest in die Arme und für ein paar Minuten fühlten sich Mama und die drei Kinder leicht und voller Liebe und Katharina konnte sogar ein wenig lächeln. Doch eines Tages verschwand Katharinas Lächeln für lange Zeit und eine große Traurigkeit legte sich wie ein dicker Nebel auf die Burg.

An diesem Tag bemerkte Mama Katharina, dass in ihrem Bauch ein Baby wächst. Zuerst freute sich die Mama von Hanny, Fanny und Jonas über das Baby im Bauch. Doch dann fiel ihr ein, dass Ritter Kunibert sicher böse sein und mit ihr schimpfen wird, weil Katharina und Kunibert doch gar kein Geld mehr hatten, um für vier Kinder Kleidung, Spielzeug und Essen einzukaufen.

Mama Katharina bekam plötzlich ganz große Angst vor dem Ritter Kunibert. Wenn er das erfährt, oh je! Sie hatte Kunibert lieb, aber sie wusste nicht, ob er schimpfen würde oder nicht. Außerdem hatte Katharina Angst, dann noch viel mehr arbeiten zu müssen, wenn noch ein Kind zur Welt kommt. Katharina wusste gar nicht mehr, wie sie das alles noch schaffen sollte - und weinte.

Sie überlegte, wer ihr helfen könnte, aber es fiel ihr niemand ein. Ihre Eltern, die Oma und der Opa von Hanny, Fanny und Jonas, waren schon gestorben und die Leute unten im Dorf würden ihr auch nicht helfen. Einmal, als Katharina im Dorf einkaufen war, hatte ein Mann ihren dicken Bauch gesehen. Nun wusste er, dass die Mama von Hanny, Fanny und Jonas ein Kind im Bauch hat. Trotzdem half er Katharina nicht, die schweren Taschen auf die Burg zu tragen.

Katharina fühlte sich ganz allein und hatte so große Angst, dass sie sich nicht traute, dem Ritter von dem Kind in ihrem Bauch zu erzählen. Auch Hanny, Fanny und Jonas verriet sie nichts. Sie wollte den Kindern ja so gerne sagen, dass sie bald ein Geschwisterchen bekommen, aber Mama Katharina schwieg und wurde immer trauriger. Die Angst saß in ihrem Bauch und in ihrer Brust. Diese Angst war wie ein Gespenst oder ein böser Traum, der Katharinas Herz ganz krank machte.

Wenn sie nachts allein in ihrem Bett lag, dann freute sich Katharina auf das Baby und träumte davon, wie schön es sein würde, mit dem Kleinen und den drei anderen Kindern durch den bunten Frühling spazieren zu gehen. Aber ihre Angst war so groß, dass sie niemandem von ihren Träumen erzählte. So vergingen Tage und Wochen und Katharinas Bauch wurde immer dicker.

Die schwere Arbeit auf der Burg bereitete Katharina Schmerzen. Da hatte sie plötzlich eine Idee:

Sie tat einfach so, als ob das Baby in ihrem Bauch gar nicht da wäre! Sie nahm sich ganz fest vor, nicht mehr an das Baby im Bauch zu denken, nie wieder! Und wirklich! Wenn sie nicht an das Baby dachte, dann hatte sie auch keine Angst mehr und irgendwann hatte Katharina das Baby einfach vergessen!

Der Ritter bemerkte nichts. Katharina zog sich Kleider an, die viel zu groß waren und unter denen man den dicken Bauch nicht sah.

Auf der Burg gab es einen winzigen Garten mit einem Kirschbaum mittendrin – das war die einzige Freude, die Katharina hatte. Manchmal stand sie allein oben an der Burgmauer und schaute ins Land, während die Kinder unter dem Kirschbaum spielten. Katharina sah die Tiere im Wald, die bunten Blumen auf den Wiesen, die Schmetterlinge und die fleißigen Bienen. Im Dorf ganz in der Nähe tobten Kinder fröhlich herum und alle jungen Frauen hatten einen lieben Mann und tanzten auf dem Dorfplatz. Katharina liebte die Vögel am Himmel, die so schön sangen und zwitscherten, wenn sie über die Burg hinweg flogen. Manchmal fuhr im Tal eine Pferdekutsche vorüber. Dann winkte der Kutscher freundlich zu Katharina hinauf. Ach, wie gerne wollte Katharina einmal die Welt da draußen erkunden, im Dorf tanzen gehen oder mit nackten Füßen durch den klaren Waldbach laufen, den sie von der Burg aus sehen konnte. Doch das ging nicht. Wenn Kunibert nicht da war, konnte Katharina die Kinder nicht alleine lassen. Außerdem gab es auf der Burg so viel Arbeit, dass keine Zeit für Erholung und Spazierengehen blieb. Katharina liebte ihre Kinder sehr, aber weil sie sich um alles allein kümmern musste, hatte sie gar keine Zeit mehr, das Leben mit ihnen zu genießen.

Eines Tages, als Ritter Kunibert nicht zu Hause auf der Burg war und Hanny, Fanny und Jonas ganz fest schliefen, schlich sich Katharina heimlich hinaus, ging über die bunte Blumenwiese, vorbei an den fröhlichen Kindern, grüßte die lustigen Schmetterlinge und die fleißigen Bienen und kam nach einer Weile in einen kühlen Wald. Dort setzte sie sich an den kleinen Waldbach, um ihre Füße im klaren Wasser baumeln zu lassen, nur einmal, nur ein paar Minuten ausruhen und glücklich sein. Doch dann passierte etwas Schlimmes:

Plötzlich bekam Katharina fürchterliche Bauchschmerzen. Sie schrie, aber niemand konnte sie hören, weil sie so weit weg von der Burg und vom Dorf war. In diesem Moment brachte Mama Katharina ihr Baby zur Welt.

 

Geburt – eine Erklärung für Kinder

Jedes Mädchen, jede Frau und jede Mama hat zwischen ihren Beinen einen kleinen Gang, der in ihren Bauch führt. Die kleine Öffnung ist gut versteckt, aber wenn ein Baby geboren wird, dann wird sie ganz groß, so groß wie eine Männerfaust und manchmal noch größer, damit das Baby hindurch passt. Wenn das Baby heraus kommt, muss sich Mama sehr anstrengen und wenn ihr niemand hilft, kann das der Mama auch weh tun.

Wird ein Baby im Krankenhaus geboren, dann hilft eine Frau, die man Hebamme nennt. Die Hebamme streichelt die Mama, gibt ihr Medizin, damit es nicht so weh tut und hilft, das Baby aus dem Bauch heraus zu holen. Dann sagt die Hebamme dem Baby liebevoll „Hallo!“, schaut, ob Mama und Kind gesund sind und legt das Baby der Mama in den Arm. 

 

Katharina war ganz allein, als ihr Baby geboren wurde. Niemand hat ihr geholfen. Das Baby lag im Gras und rührte sich nicht. Katharina begann zu weinen. Sie dachte, das Baby sei tot, weil es sich gar nicht bewegte und Katharina bekam wieder große Angst. Sie wusste nicht, dass manche Babys nicht schreien, wenn sie geboren werden. Diese Babys nennt man stille Babys. Sie spüren, wenn Mama Angst hat und machen sich ganz klein, sind ganz still und manche wollen gar nicht aus Mamas Bauch heraus.

Wieder dachte Katharina an Ritter Kunibert und dass er sicher schimpfen wird, wenn er etwas von dem Kind erfährt. Kunibert war eigentlich gar nicht böse, aber Katharina hatte trotzdem Angst. Der böse Traum, das Gespenst wohnte immer noch in ihrem Herzen. Immer noch hatte Katharina Bauchschmerzen und konnte gar nicht richtig nachdenken, was sie nun tun soll. Weinend vor lauter Angst, Schmerzen und Kummer lief sie einfach weg und ließ das Baby zurück.

Am nächsten Morgen fand eine alte Frau das Baby. Aber es war zu spät. Der kleine Junge war in der Nacht gestorben. Die alte Frau brachte das tote Baby zu den Soldaten des Königs. Der König befahl den Soldaten, nach der Mama des kleinen Jungen zu suchen.

Bald darauf kamen die Soldaten zur Burg. Als sie Katharina weinen sahen, wussten sie, dass nur Katharina die Mutter des Babys sein konnte. Sie sahen aber auch, dass Katharina das Baby sehr lieb hatte, denn sonst würde sie nicht weinen.

Katharina erzählte den Soldaten des Königs von ihrer Angst und den schlimmen Schmerzen, als das Baby so plötzlich zur Welt kam und dass sie das alles nicht gewollt hat und dass sie ihr Baby von ganzem Herzen liebt. Sie erzählte auch von Hanny, Fanny und Jonas und davon, dass die Kinder traurig sein werden, wenn sie erfahren, dass ihr kleines Brüderchen gestorben ist. Katharina hatte furchtbare Angst, dass die Soldaten sie mitnehmen und in das Gefängnis sperren würden. Aber die Soldaten hatten Mitleid und brachten Katharina in die Stadt zum Medicus. So nannte man früher einen Arzt. Der Medicus gab Katharina einen Saft aus Kräutern und einen besonderen Tee gegen die Bauchschmerzen. Danach brachten die Soldaten des Königs Katharina zu einem Richter. Der Richter zog seinen langen schwarzen Umhang an und stellte Katharina viele Fragen. Katharina beantwortete alles und weinte. Der Richter überlegte lange, was er nun mit Mama Katharina tun sollte. Dann sagt er:

„Katharina, Du darfst für einige Zeit zurück nach Hause zu Hanny, Fanny, und Jonas. Bitte erzähle Deinen Kindern, was geschehen ist, damit sie es nicht von anderen erfahren, die es böse mit ihnen meinen!“

Und weiter sprach der Richter mit dem schwarzen Umhang:

„Ich glaube, Deine Kinder werden Dir verzeihen. Du bist eine gute und liebevolle Mama. Deine Kinder werden Dich sicher auch jetzt noch lieben.“

Dann kam noch ein zweiter Richter ins Zimmer. Er sprach:

„Was soll nun aus Katharina werden? Sie hat einen schlimmen Fehler gemacht, weil sie weggelaufen ist, als das Baby allein im Gras lag. Sie hat es aber nicht mit Absicht getan, sondern weil sie Schmerzen hatte und große Angst. Die Angst ist schuld, dieser böse Traum in ihrem Herzen. Außerdem kam das Baby zu früh und Katharina konnte nicht mehr nach Hause oder zum Medicus gehen. Deshalb darf Katharina nicht zu streng bestraft werden!

Vielleicht muss Katharina für eine Weile ins Gefängnis, weil sie das Baby alleine gelassen hat.

Vielleicht gibt es in unserem dicken Gesetzbuch aber auch eine Stelle, wo geschrieben steht, dass wir die Mama von Hanny, Fanny und Jonas nicht einsperren müssen. Das Gesetzbuch ist sehr dick und es wird eine Weile dauern, bis wir die Stelle gefunden haben, an der steht, was mit Katharina geschehen soll. Wir werden nach Weihnachten das Urteil sprechen. Wir versprechen Katharina, dass wir gerecht sein werden.“

So sprach der Richter, damals, vor 500 Jahren.

Als Katharina zu Hause Hanny, Fanny und Jonas erzählte, was geschehen ist, waren die drei Kinder sehr traurig. So gerne hätten sie ihr Brüderchen kennengelernt. Katharina stand auf und ging leise hinaus zu ihrem Kirschbaum. Als sie dort stand und sich ganz allein fühlte, kam Jonas zu ihr, zupfte sie am Kleid und nahm sie ganz fest in seine kleinen Kinderarme.

„Mami, ich hab‘ Dich lieb!“ schluchzte er und Tränen liefen über seine roten Wangen. Nun kamen auch Hanny und Fanny und drückten und küssten ihre Mama immer wieder und weinten mit ihr.

„Wir haben dich lieb und wir halten zusammen – für immer!“ schluchzten die beiden Mädchen …

 

Hier endet Katharinas Geschichte. Geschrieben steht sie in einem uralten Buch. Das Buch ist schon so alt, dass die letzten Seiten fehlen. Deshalb weiß auch niemand, ob Katharina ins Gefängnis musste oder ob sie vielleicht eine milde Strafe bekam und bei ihren Kindern bleiben durfte. Aber eines weiß ich ganz genau:

 

Hanny, Fanny und Jonas hatten ihre Mama immer lieb, in guten und in schlechten Zeiten - und wenn sie nicht gestorben sind, dann lieben sie sich noch heute.

Auch wenn der Sturm dein Dach zerbricht,

und wenn er dich einmal fast besiegt,

steh wieder auf, biet‘ ihm die Stirn,

denn er trägt dich weit,

wenn du mit ihm fliegst.“