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nebenan

Thüringer Schulen behandeln Film zum Thema Kindstötung

 

Foto: Silke (Elisabeth Heckel)

 

"Junge Welt", 14. Mai 2010 S. 15

 

 

Im November 2009 verblutet in Weimar eine 23jährige Mutter nach der Geburt ihres Kindes, einsam und allein. Unbekannt bleibt, wer der Vater des Babys ist und wer es kurz nach der Geburt getötet hat. Im Februar 2010 wird Sarah B. (22) nahe Weesow bewusstlos und blutüberströmt bei minus 6°C im Freien gefunden. Ihr kurz zuvor geborenes Baby ist tot. Sarah überlebt knapp. Im März 2010 verhungert die 2jährige Lea. Hass und Wut schlagen der 21jährigen Mutter entgegen. Doch die ist offensichtlich psychisch krank und nach dem Auszug ihres Partners mit 2 kleinen Kindern völlig überfordert. Und schon wieder erschüttert der Tod eines kleinen Mädchens die Öffentlichkeit, gefunden bei Ingolstadt vor wenigen Tagen.

 

Warum sind diese Mütter so allein – mitten unter Menschen?

 

„nebenan“, ein hochkarätig besetzter Kurzfilm von Wolfgang Bauer, der seit Februar 2010 an Thüringer Schulen gezeigt wird, sucht nach Antworten.

 

Inspiriert von Aelrun Goettes Dokumentarfilm „Die Kinder sind tot“ ist „nebenan“ der Versuch, die Tötung von Neugeborenen und Kleinkindern durch die eigene Mutter wertungs- und vorurteilsfrei zu betrachten. Das Ziel: Schüler(innen) der oberen Klassenstufen sollen sensibilisiert und dazu angeregt werden, sich aktiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Fertige Lösungen werden ganz bewusst nicht angeboten.

Der Film

 

Die 28jährige Silke (Elisabeth Heckel) lebt mit ihrer Tochter Michi (Josephine Tancke) in bescheidenen Verhältnissen. Seit die neuen Nachbarn eingezogen sind, dringt Babygeschrei aus deren Wohnung - Tag für Tag, Nacht für Nacht.

 

Silke hat Angst um das fremde Kind. Der kahlgeschorene Nachbar und seine Freundin (Matthias Reichwald und Ina Piontek) sind mit dem Baby offensichtlich massiv überfordert.

 

Doch eigene Sorgen verdrängen den Gedanken an das Kind immer wieder. Silke lebt von Hartz IV und hat kaum Geld. Dennoch erfüllt sie Michis sehnlichsten Wunsch, zum Keyboardunterricht gehen zu dürfen. Silke liebt ihre Tochter über alles und als Mutter weiß sie natürlich auch, wie schwer und nervenaufreibend es sein kann, ein ewig schreiendes Baby zu beruhigen.

 

Von einem Tag auf den anderen hört das Schreien auf.

 

Silke begegnet den Nachbarn im Fahrstuhl. Der junge Mann schleppt Blumenerde in die Wohnung.

 

Wenig später zieht das Paar völlig überraschend wieder aus - ohne Baby! Die Blumen auf dem Balkon bleiben zurück.

 

Schockiert schleicht Silke in die Nachbarwohnung und durchwühlt die Blumenkübel. Doch was sie findet ist keine Babyleiche! Es ist ihre eigene Vergangenheit - ein jahrelang verdrängtes, furchtbares Trauma!

Foto: Die Nachbarn (Matthias Reichwald und Ina Piontek)

 

Silke selbst ist eine Täterin! Frau Baum (Karin Düwel), eine langjährige Freundin, weiß es und schweigt. Seit zehn Jahren unterstützt sie Silke und Michi mit Rat und Tat. Michi braucht ihre Mutter, genauso wie die lebenden Kinder realer Täterinnen!

 

Die Vorurteile und Klischees gegenüber den Nachbarn erweisen sich als falsch und doch bleibt Silke bis zum Schluss Mensch, eine sympathische junge Frau und liebende Mutter, für deren Verhalten man nun ein gewisses Verständnis empfindet.

 

Gedanken zum Film

 

Schon der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi warb 1783 um Menschlichkeit und Verständnis für Frauen, die - von allen alleingelassen - aus Angst, Not, Verzweiflung oder Überforderung töten.

 

Was haben wir seither gelernt?

 

Vor Gericht sind die Täterinnen, die fast immer zugleich Opfer sind, stets allein, genauso allein wie vor und während der Geburt, genau so allein wie mit der Verantwortung für das Kind, genau so allein wie später im Gefängnis – alles wie vor über 200 Jahren! Wo sind die Väter und deren Mitverantwortung für Kind und Mutter? Wo sind die Eltern, die sich mit der jungen Frau freuen und ihr Mut machen?

Foto: Michi (Josephine Tancke) und Silke (Elisabeth Heckel)

 

„Nebenan“ lässt bewusst offen, ob Silke sich nach so vielen Jahren der Polizei stellt, ob und wie sie bestraft wird oder wie das Verhalten der Mitwisserin Frau Baum juristisch und menschlich zu werten ist.

 

Alles ist möglich, wenn Menschen guten Willens sind!

 

Kein erhobener Zeigfinger, keine Vorurteile, keine „Killermütter“, keine „Gebärmaschinen“ und keine „Eisbabys“. Wer Menschen so bezeichnet, disqualifiziert sich selbst!

 

„Nebenan“ ist ein Film zum Zuschauen, Zuhören, Nachdenken und Mitfühlen.

Textfeld: Rat und Hilfe 
für schwangere Mädchen und Frauen 
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